"Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft." - Wilhelm von Humboldt

Dienstag, 24. Dezember 2019

Dienstag, 16. Juli 2019

Wir schweigen nicht, denn damit hätten seine Mörder ihr Ziel erreicht

Der Tod meines Schwiegeropas jährt sich heute zum 79. Mal. Es war kein natürlicher Tod obwohl in seiner Sterbeurkunde vermerkt ist: verstorben an 'Herzschlag'.
Und nicht nur der Todesort Hartheim bei Linz (Oberdonau) wurde gefälscht, auch der Todestag, der 29. Juli 1940 und 'in der Wohnung verstorben' ist mehr als makaber.
Adolf N. wurde am 16. Juli 1940 in Grafeneck von den Nationalsozialisten grausam ermordet: vergast und verbrannt. An diesem Sommertag wurden auf der Schwäbischen Alb weitere 74 Männer aus der Heilanstalt Weinsberg ermordet. Auch an den folgenden Tagen, Wochen und Monaten ging das systematische Morden weiter. Im Jahr 1940 wurden in Grafeneck 10.654 Menschen in den Tod geschickt.

Wo war eigentlich der "liebe Gott", wo die Kirchenfürsten? Diese Frage kommt zwangsläufig wenn man sich mit der T4-Aktion beschäftigt. Und wo waren die Ärzte, die eigentlich der Menschlichkeit verpflichtet sind?
Angehörige haben ihre behinderten Kinder oder andere Familienangehörige in gutem Glauben kirchlichen Einrichtungen anvertraut und wussten nicht, wie dort vielfach über diese Menschen gedacht wird.
Die Geistlichkeit und der Nationalsozialismus ist ein dunkles Kapitel deutscher Kirchengeschichte. Nur wenige Pfarrer, Diakone und Bischöfe besaßen den Mut und die Einsicht, von der Kanzel gegen das Regime zu predigen. Nur wenige wehrten sich gegen das Programm zur "Vernichtung lebensunwerten Lebens". Und nur wenige kritisierten später den Massenmord an den Juden.
Und Ärzte, die eigentlich der Menschlichkeit verpflichtet waren, stellten sich mit der Euthanasie in den Dienst eines menschenverachtenden und menschenvernichtenden Tötungsprogramms. Es waren Ärzte, die in Grafeneck den Gashahn aufgedreht haben. Die Landesärztekammer hat zu Beginn des Jahres 2018 in Grafeneck einen Gedenktag abgehalten. Auf einer Tafel bekennen sie sich zur Schuld der Ärzte an den Verbrechen. Die Landesärztekammer hat sich zuvor nicht dazu geäußert.

Die Ermordung wehrloser Menschen lässt sich in keiner Weise mit dem hippokratischen Eid verbinden. Dennoch waren diese Ärzte nicht der Ansicht, Unrecht zu tun. Die Nazis sahen alle Menschen, die auf den ersten Blick keine sinnvolle Tätigkeit verrichten konnten als "nutzlose Esser" und sie sprachen von "unwertem Leben". Der "Gnadentod" wurde im Sinne von Heilung interpretiert. Die wenigsten Ärzte haben später Reue gezeigt.


Auch zum 79. Todestag fahren wir nach Grafeneck und wir werden auch weiterhin nicht schweigen, denn damit hätten die Mörder ihr Ziel "das Vergessen der Vernichtung  ist Teil der Vernichtung selbst", erreicht.


.  M  .



Donnerstag, 4. Juli 2019

Am Anfang war eine alte Uhr - England Sommer 2019

Am Anfang war eine alte Uhr bei einem befreundeten Uhrmacher zur Reparatur. Umfangreiche Recherchen über den Uhrmacher der zu reparierenden Uhr folgten. Anfang 2016 schrieb ich hier Leonhard Krauth - vom Odenwald zu Sotheby's New York.  
Die Recherche ist längst abgeschlossen und trotzdem lässt uns der alte Uhrmacher Krauth bis heute nicht los: Letzten Sommer kamen drei Generationen Krauth nach Stuttgart um bei einem Sammler die Kaminuhr ihres Vorfahren Leonhard zu bewundern.


Biedermeier-Skelett-Uhr von Leonhard Krauth

Wir, der Uhrmacher, meine Tochter und ich ließen uns weder den Besuch der drei Krauths noch die Skelett-Uhr entgehen. Wir trafen drei sehr sympathische Engländer mit deutschen Wurzeln, die schon viele Jahre immer wieder ins Ländle kommen um nach Spuren ihrer Vorfahren zu suchen. Die Kaminuhr im Original zu sehen war ein Highlight.
Meine Tochter und ihr Freund fahren in Kürze nach England und besuchen dort seine Schwester mit ihrer Familie. Der Zufall will es, dass die Schwester nur 20 Meilen von den Krauths entfernt wohnt. Der Besuch bei den Nachfahren des Uhrmachers ist ein MUSS. Tochter, Freund, seine Schwester und ihr Mann treffen sich zum Abendessen mit Familie Krauth. Und im August kommen die drei Krauths wieder nach Stuttgart, back to their roots.

Am Anfang war eine alte Uhr .... 


.  M  .


Mittwoch, 15. Mai 2019

Meier auf dem Einsiedel

Das Gut Einsiedel blickt auf eine lange württembergische Geschichte zurück. Graf Eberhard im Bart ließ im Jahr 1482 auf dem Einsiedel ein dreistöckiges Jagdschloss er­richten. Für die Brüder vom Gemeinsamen Leben, eine geistliche Gemeinschaft, gründete er das Stift St. Peter, in dem er nach seinem Tod 1496 beigesetzt wurde. Beide Gebäude, Stift und Jagdschloss, brannten ab. Her­zog Johann Friedrich ließ das Schloss teilweise wiederherstellen, so dass heute nur noch ein kleiner Rest des Schlösschens von Graf Eberhard erhalten ist. Die zum Schloss gehörende  Domäne wurde bis 1795 samt dem Gestüt Einsiedel vom Staat in Eigenregie bewirt­schaftet. Seit 1795 war sie verpachtet.
Stift St. Peter auf dem Einsiedler im Schönbuch bei Tübingen war ein Kloster


König Wilhelm I. von Württemberg kaufte das Gut Einsiedel im Jahr 1823 vom Staat und ließ es von der Hofdomänenkammer - als Behörde für die Verwaltung des Vermögens der Herrscherfamilie - verwalten. Ein Jahrhundert lang, von 1913 bis 2012, war die Domäne an die Firma Süddeutsche Zucker AG verpachtet, die großflächig Zuckerrüben anbaute.
Zum 1. Januar 2013 endete das Pachtverhältnis mit der Firma Südzucker AG. Die Hofkammer des Hauses Württemberg nahm den Einsiedel zurück und übertrug die Bewirtschaftung dem Gutsverwalter auf dem Betrieb Tiergarten. Seither bilden die beiden Betriebe Tiergarten und Einsiedel zusammen eine wirtschaftliche Einheit.

Der gesamte vom Tiergarten aus bewirtschaftete landwirtschaftliche Nutzfläche beträgt ca. 1.030 Hektar. Der Gutsbetrieb Tiergarten mit etwa 730 Hektar Fläche liegt im Landkreis Ravensburg im Bereich der Gemeinden Ebersbach - Altshausen / Aulendorf und Ravensburg. Die Domäne Einsiedel mit knapp 300 Hektar Fläche liegt im Landkreis Tübingen, Gemeinde Kirchentellinsfurt. (Quelle: Hofkammer des Hauses Württemberg)

Meine Vorfahren aus Kirchentellinsfurt, Johannes Beck (1580 - 1630) und sein Schwiegersohn Martin Walker (1608 - 1662) waren Meier auf dem Einsiedel. - Meier ist Titel und Beruf eines mittelalterlichen Verwaltungsbeamten.


.  M  .


Montag, 13. Mai 2019

1866 - Steinheim, Ohio und wieder zurück - 2019

Im Jahr 1866 machte sich der 18-jährige Küfer Gottlieb Krautter aus Steinheim auf den Weg nach Nordamerika. Wie schon viele Steinheimer zuvor suchte er sein Glück in der Neuen Welt. Ein Teil der Auswanderer hielt schriftlichen Kontakt zu den Eltern und Geschwistern in der Heimat. Von anderen Auswanderern hat man nie wieder etwas gehört.
Und in dieser Woche, einhundertdreiundfünfzig Jahre nach Gottliebs Auswanderung, begibt sich seine Urenkelin von Ohio aus auf die Spuren ihrer Vorfahren nach Steinheim.
Seit 10 Jahren beschäftigt sie sich mit ihren Ahnen und suchte immer wieder nach Verwandtschaft, aber bisher leider ohne Ergebnis. Wenige Tage vor dem Abflug nach Deutschland kam der "Durchbruch" ganz unerwartet, denn alles sprach dafür, dass es mit der von ihr ausgekundschafteten Steinheimer Familie doch keine verwandtschaftlichen Beziehungen geben soll.
Da ich meinen Online-Stammbaum mit allem was so passt "füttere", also nicht nur mit meinen Vorfahren, war ich der Rettungsanker. Anhand von Familienregistern und der Hilfe meiner Mutter, die sich noch an die alten Familien in Steinheim erinnern kann, landete ich den Volltreffer. Einen? Nein, denn nicht nur die ausgekundschaftete Familie ist mir ihr verwandt, ich habe noch eine Familie gefunden, die von Wilhelm, dem Zwillingsbruder des Auswanderers abstammt.
Um so größer ist die Freude von Gottliebs Urenkelin. Sie reist nach Steinheim um den Ort zu besuchen wo Gottlieb seine Jugend zugebracht hat und jetzt werden ihre Erwartungen mehr als übertroffen. Zwei Steinheimer Familien bereiten sich auf ihren Besuch vor.
Bevor sie eintrifft, gehe ich noch in die Staatsarchive nach Ludwigsburg und Stuttgart um die Dokumente der Auswanderungen zu kopieren. Sie hat noch einen weiteren Auswanderer aus Rielingshausen im Stammbaum, der bereits 1832 mit seiner Familie und einem stattlichen Vermögen von 1.700 Gulden ausgewandert ist.


Gottlieb hat das Küferhandwerk gelernt und reiste 1866 mit einem Vermögen von 200 Gulden nach Hamburg. Er steht auf der Passagierliste des Schiffes Alemannia, mit dem er am 21. Juli 1866 in New York ankam.
Seine erste Ehefrau Mary Ann stammt ebenfalls aus Steinheim, ihr Großvater Johann Gottfried Baad wanderte mit seiner zweiten Ehefrau und seinen fünf Kindern aus der ersten Ehe 1846 aus, die Familie ließ sich in Coshocton County, Ohio nieder. Für einen Totengräber hatte er ein erstaunlich großes Vermögen von 6.700 Gulden, ein sehr guter Start für den Aufbau einer neuen Existenz in der Neuen Welt.

.  M  .


Montag, 15. April 2019

Wegen Trunksucht des Pfarrers - Kirchenbücher unvollständig & vernichtet

Im Jahr 1435 wies der Konstanzer Bischof Friedrich III. von Zollern an, dass Kirchenbücher zu führen seien. Allerdings hielt sich kaum eine Kirche an diese Anweisung. 
Der am 11. November 1563 beim Konzil in Trient verordnete Erlass ordnete an, dass von nun an Eheregister und im diesem Zusammenhang auch Taufbücher geführt werden müssen. 1614 im „Rituale Romanum“ wurden erste Schritte zur Führung von Sterbebüchern festgelegt, allerdings ohne verpflichtenden Charakter für die Kirchen.
In den Gebieten wo die Reformation (zwischen 1517 und 1648) zur Spaltung der Kirchen führte, wurden seit Beginn Kirchenbücher geführt. In den anderen Gebieten dauerte es zum Teil noch etwa 50 Jahre bis jede Kirche Tauf-, Trau- und Sterbebücher führte. Leider gingen jedoch viele der bis dahin geführten Bücher während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) verloren,  sodass es in einer Vielzahl von Kirchen erst ab Ende des Krieges kontinuierliche Aufzeichnungen gibt.
Die Franzosen brannten 1693 die Stadt Marbach nieder, dabei gingen alle Kirchenbücher verloren. Auch im benachbarten Murr fielen in diesem Sommer die Kirchenbücher in die Hände der Franzosen, während in Pleidelsheim, wo die Franzosen lagerten, die Kirchenbücher unversehrt blieben. In Pleidelsheim beginnt das Kirchenbuch im Jahre 1581 zur Freude der Ahnenforscher. 
Auch in Steinheim gelangten 1693 die Bücher in die Hände der Franzosen, die sie zerrissen und auf einen Misthaufen warfen. Der Pfarrer war mit seiner Familie Richtung Schwäbisch Hall geflüchtet, ein zurückgebliebener Bürger hat das Buch wieder zusammengesetzt. Das Kirchenbuch hat gelitten, einige Seiten sind kaum lesbar und es ist vermerkt: 'Dem Leser oder denen, so hieran gelegen dienet zur Nachricht, daß aus diesem Ehebuch 6 Blätter durch die Franzosen sind ausgerissen, und verloren worden. Gleichwohl aber aus dem Proclamationsbüchlein , so noch in meinem s.h. Schweinestall gefunden worden, so viel finden können daß proclamiert und folglich copuliert sind worden.' - Bereits1634 zogen feindliche Truppen durch Steinheim und legten Feuer in der Kirche, die bis dahin geführten Bücher sind dem Brand zum Opfer gefallen.
Der Geburtstag von Katharina Rait aus Poppenweiler konnte nur in etwa ermittelt werden, im Sterbebuch wurde an ihrem Todestag 28. August 1717 vermerkt: '72 Jahre weniger 4 Wochen', weil die Geburtsjahre 1642 1646 im Mischbuch der damals zuständigen Pfarrei Oßweil fehlen. 
Und der Todeseintrag meiner Vorfahrin Margarethe Seitz (*1608) wurde überhaupt nicht vorgenommen, denn 'Ehe- und Totenbuch Asperg wurden von 1646-60 wegen Trunksucht des Pfarrers nicht geführt'.


Asperg anno 1682
aus dem Forstlagerbuch von Andreas Kieser


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Großbottwar - Herzog Carl Eugen und die Bäckerei Weigle

Es schlug fast wie eine Bombe ein, als zu Jahresbeginn die Schließung der Bäckerei Weigle in Großbottwar angekündigt wurde. Der Familienbetrieb ließ nach mehr als 300 Jahren den Backofen ausgehen. Auf der Webseite der Weigles stand "seit 1715 Ihr Bäcker Weigle".
Familie Weigle ließ die Besucher ihrer Webseite einen Blick in die Familienchronik werfen. Der schwäbische Sonnenkönig, Tyrann, Verschwender und Modernisierer Herzog Carl Eugen (1728 - 1793) war Kunde in der Bäckerei Weigle wenn er auf die Jagd zum Sternwald (heute: Kälbling) ging.
So ist überliefert, dass Johann Carl Weigle am 5. Dezember 1752 um 6 Uhr morgens vor der Treibjagd im "Schäferhölzle" zwei Dutzend Äpfel-, Speck- und dicke Salzkuchen den hohen Herrschaften liefern musste.


Großbottwar anno 1686
aus dem Forstlagerbuch von Andreas Kieser

Der "Beck" Johann Georg Weigle (1741 - 1793), Enkel des Firmengründers Jacob Weigle, heiratete im Jahr 1763 die ebenfalls aus Großbottwar stammende Anna Maria Laitenberger (1742 - 1812).
Anna Marias Eltern, Johann Jacob Laitenberger und Margarethe Acker, sind meine 6-fachen Urgroßeltern. Johann Jacob war in jungen Jahren Grenadier im württembergischen Leib-Grenadier-Bataillon, später Weingärtner und Viertelsmeister in Großbottwar.
Viertelsmeister waren Helfer der Exekutive und Judikative. Es waren angesehene, gewählte Persönlichkeiten, die über lokale Orts- und Bürgerkenntnisse verfügten, um in Stadt- oder Landvierteln Aufgaben wie die Unterstützung bei Wahlen oder polizeiliche Aufgaben übernahmen.


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