"Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft." - Wilhelm von Humboldt
Posts mit dem Label Russland werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Russland werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 1. Juli 2020

Service des Prisonniers de Guerre - Kriegsgefangenenpost

Vor 6 Jahren machte ich mich auf die Suche nach den Vorfahren eines Freundes. Am Ende der Recherche entstand eine interessante und sehr weit zurückreichende Familiengeschichte. Zwischen Gebetbuch und Familienfotos, die er mir für die Familiengeschichte zur Verfügung gestellt hat, war auch der Totenzettel seines Großvaters Hermann: “gestorben anfangs August 1944 im Lazarett in Russland" - er wurde nur 31 Jahre alt, hinterließ Eltern, eine junge Ehefrau und zwei kleine Kinder. Wo er bestattet wurde war nicht bekannt.

Das Schicksal von Opa Hermann ließ mich nicht los  - gestorben im Lazarett in Russland - durfte so nicht stehen bleiben. Die Onlinesuche beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge war erfolglos und das Auskunftsbüro in Moskau existierte nicht mehr.
Ich stellte einen Suchantrag beim Deutschen Roten Kreuz in München. Wo sonst eine Briefmarke klebt, war der große Briefumschlag mit der Antwort gestempelt:

SERVICE DES PRISONNIERS DE GUERRE - KRIEGSGEFANGENENPOST GEBÜHRENFREI 

Der Brief enthielt Karteikarten aus dem Frontaufnahmelager und aus dem Lazarett. Die Kriegsgefangenenakte besteht aus einem Fragebogen des russischen Innenministeriums über die persönlichen Daten, über die Familie, die soziale Herkunft,Besitzstand der Eltern, Besitzstand des Kriegsgefangenen, schulische Bildung, berufliche Kenntnisse, Militärausbildung, Dienstgrad, Dienststelle, Fremdsprachenkenntnisse, Verwandtschaft in der UdSSR, Gerichtsverfolgung, Auszeichnungen, Datum und Ort der Gefangennahme. 
Der Obergefreite Hermann S. kam am 6. Oktober 1943 bei Newel (Gebiet Pskow) in russische Gefangenschaft. Am 27. Oktober 1943 hat er im Frontaufnahmelager Nr. 41 den Fragebogen unterschrieben, am 5. Dezember 1943 kam er aus Ostaschkow in das Lager nach Tscherepowez.
Die Akte enthält außerdem einen Totenschein vom 3. August 1944 mit der Todesursache "Dystrophie 3. Grades" und einen Bestattungsschein des städtischen Friedhofes Tscherepowez vom 5. August 1944, im Gebiet Wologda, 500 km nördlich von Moskau.



Städtischer Friedhof Tscherepowez
Gedenkplatz für die dort ruhenden Kriegsgefangenen

Auf dem städtischen Friedhof im Südwesten der Stadt, wurden die Kriegsgefangenen, die im Lager von Tscherepowez verstarben, beigesetzt. In der Nachkriegszeit wurde die Parzelle der Kriegsgefangenen durch Beisetzung von Ziviltoten vollständig überbettet. Auf dem Friedhof ruhen: 2.830 Deutsche, 26 Spanier, 109 Finnen, 7 Moldauer, 8 Italiener, 9 Litauer, 44 Polen, 76 Ukrainer, 152 Österreicher, 43 Letten, 13 Franzosen, 16 Jugoslawen, 434 Ungarn, 400 Rumänen, 23 Tschechen, 9 Japaner, je 1 Russe, Holländer, Este, Amerikaner, Luxemburger, Schweizer und Belgier. Insgesamt 4.206 Kriegsgefangene. - Freund und Feind im Tod vereint.
Im Jahr 2007 hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. einen Gedenkplatz für alle dort ruhenden Kriegsgefangenen gebaut.

Tod durch verhungern wurde mit Dystrophie 3. Grades umschrieben. Der Lagerspiegel vom Lager Tscherepowez beschreibt die damaligen Verhältnisse: Unterkunft in Baracken, schlechte und vollkommen unzureichende Verpflegung, kaum Medikamente und Verbandszeug. Der Arbeitseinsatz ging über 10 Stunden täglich in der Holzverarbeitung, beim Torfstich, bei Erdarbeiten, in der Metallzeche, in der Kolchose und im Pferdelazarett.
90 % der Patienten starben an Fleckfieber, Ruhr, Typhus, Tbc, Dystrophie, Ödemen, Erfrierungen und Unfällen.

Die Ungewissheit über Hermanns Schicksal und seine letzte Ruhestätte ist nach 76 Jahren beendet. 


.  M  .

Sonntag, 1. März 2020

Weißrussland - Kinofilm "Der Krieg in mir"

Seit vielen Jahren wird Sebastian Heinzel von Kriegsträumen verfolgt. Mit dem Wunsch, diese Träume besser verstehen zu können, macht er sich auf den Weg und erforscht die Kriegsvergangenheit seines Großvaters auf dessen Spuren bis ins tiefste Weißrussland.


Der Kinofilm und das gleichnamige Buch zeigen, wie sich Knoten in der Familiengeschichte lösen lassen, um Versöhnung und Heilung zwischen den Generationen zu ermöglichen. Der Autor gibt Impulse und Anregungen für eine andere Betrachtung der eigenen Biografie. Im Buch vertieft er seine Spurensuche und gewährt persönliche Einblicke in die Auseinandersetzung mit diesem Thema. Dabei dokumentiert er, wie sich sein Leben in dieser Zeit grundlegend verändert.
In Zeiten eines neuen Kalten Krieges, der von mächtigen politischen Interessen herbeigerufen wird, ist mir der Brückenschlag zwischen uns Menschen im Westen und im Osten ein echtes Herzensanliegen. Wir sind uns näher, als es vielen manchmal scheint. (Sebastian Heinzel)
Kinokarten sind reserviert. - "Der Krieg in mir" ist eine gute Reisevorbereitung für die Suche nach Spuren meines in Weißrussland vermissten Großvaters. 





.  M  .




Samstag, 22. Februar 2020

Deutsches Rotes Kreuz - Vermisstenbildlisten Online

Meine Reise nach Belarus rückt immer näher. Mit Militärkarten vom Sommer 1944 suche ich auf einer aktuellen Landkarte von Belarus nach den Dörfern nahe der damaligen Front. Auf den Militärkarten ist der Standort der 129. Infanterie-Division eingezeichnet, der mein Großvater angehörte. Die 129. ID gehörte der 9. Armee an, die der Heeresgruppe Mitte unterstellt war. Anhand von Online-Kriegstagebüchern, dem Standort der militärischen Einheit und dem Datum seit er vermisst ist, lässt sich so in etwa lokalisieren wo er im Alter von 29 Jahren gefallen ist. Auf einer topographischen Landkarte aus dem Jahr 1941 finde ich den Vermisstenort Korma, etwa 65 Kilometer südlich von Bobruisk und westlich der Landstraße die von Bobruisk über Paritschi nach Mazyr führt (heute P31). Korma liegt in einem von Sümpfen durchzogenen Waldgebiet und war umgeben von einzelnen Gehöften, auch stand dort einst eine Windmühle.



topographische Landkarte 1941 "Sonderausgabe" - nur für den Dienstgebrauch



Memorial Operatsiya Bagration
erinnert an die verheerende Schlacht im Sommer 1944 in Weißrussland

Der einzige noch vorhandene Feldpostbrief meines Opas vom Brückenstützpunkt "Erlkönig",  irgendwo im Osten, ist jetzt endlich "übersetzt." Er schrieb, dass unter den Zivilisten das Gerücht von Stalins Tod umgeht und das wäre ja kein Fehler.... 


Die Vermisstenbildliste des Deutschen Roten Kreuzes (DRK)  aus dem Jahr 1958 ist seit fünf Jahren 

online. Mit der Suche per Feldpostnummer habe ich meinen Großvater in dieser Liste gefunden. Zu meiner Freude mit Bild, denn von 1.400.000 Vermissten gab es nur für 900.000 Personen ein Bild.

Ende der 1950er Jahre sind diese Listen entstanden. Der DRK-Suchdienst bat seinerzeit alle bei ihm registrierten Suchenden um die Einsendung von Fotos ihrer vermissten Angehörigen. Die Fotos mit den Namen wurden nach Truppeneinheiten geordnet, zu Bildlisten zusammengestellt und ab Dezember 1957 gedruckt. Der komplette Satz aller Bildlisten war im Oktober 1958 fertig. Er bestand am Ende aus 225 Bänden mit über 125 000 Seiten. In 199 Bänden waren die Wehrmachtsvermissten, in 26 Bänden die Zivilverschollenen erfasst.

Nach mehrjähriger Digitalisierung stehen die Vermisstenbildlisten zu verschollenen Wehrmachtsangehörigen des Zweiten Weltkriegs online zur Verfügung.

Diese Listen dokumentieren die Folgen eines Weltkrieges, der wie kein anderer zuvor Opfer unter Soldaten und der Zivilbevölkerung forderte.

Bei der Befragung zurückkehrender Wehrmachtsangehöriger stellte sich bald heraus, dass sie sich an die Gesichter gefallener, gefangengenommener oder in Kriegsgefangenschaft verstorbener Kameraden vielfach besser erinnerten, als an deren Namen. Der DRK-Suchdienst druckte daher Bildlisten, die er den Landes-, Kreis- und Ortsverbänden des Deutschen Roten Kreuzes zur Verfügung stellte. Es wurde u. a. ein spezieller Befragungsdienst mit Bussen eingerichtet, der gemeinsam mit anderen Stellen bis 1964 ca. 2,65 Millionen Heimkehrer befragte und daraus 241.000 schicksalsklärende Aussagen gewann. Demnach waren von den noch vermissten Soldaten 27.031 mit Sicherheit gefallen, 67.384 vermutlich gefallen und 33.843 in Gefangenschaft geraten.
Mitte der 1970er Jahre wurden die Vermisstenbildlisten des DRK-Suchdienstes mit dem Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Fotografie gewürdigt. Für viele Familienangehörige sind sie ein Gedenkbuch. Militärhistorisch Interessierten bieten sie Hinweise auf die Verluste von Einheiten und kaum mehr anderswo auffindbare Hinweise auf deren Unterstellungen und Truppenanschriften.




Freitag, 3. Januar 2020

Belarus 2020 - Spurensuche

Zu Beginn des Jahres werden Reisepläne geschmiedet. Mein wichtigstes Ziel im neuen Jahr ist Belarus. Ein blutgetränktes Land, Architektur aus der Stalin-Zeit, mit großen Festungsanlagen und Urwäldern. In dem osteuropäischen Binnenstaat regiert seit 25 Jahren Aljaksandr Lukaschenko, der letzte Diktator Europas. 
Seit Beginn der Operation Bagration wird mein Großvater Rudolf K. an der Ostfront 1944 vermisst. Nach Öffnung der Grenzen zu Russland begann ich mit der Suche nach Informationen über meinen vermissten Großvater. Seine sterblichen Überreste wurden bisher nicht gefunden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass noch sterbliche Überreste der gefallenen Soldaten an den ehemaligen Kriegsschauplätzen gefunden werden, die Chance ist jedoch sehr gering.
Vor drei Jahren habe ich den Beitrag 12.1.44 - Brückenstützpunkt "Erlkönig" im Osten geschrieben. Inzwischen wurde eine Spruchkammerakte gefunden, die für Verwirrung sorgte. Er hat den Krieg nicht überlebt und trotzdem die Entnazifizierung? Mein Großvater war Beamter bei der Reichsbahn. Wegen Pensionsansprüchen seiner Witwe an die Reichsbahn war eine Verhandlung vor der Spruchkammer erforderlich. Mein Puls wurde schneller als ich die Akte im Lesesaal des Staatsarchivs Ludwigsburg, in dem 500.000 Spruchkammerakten gelagert werden, in Empfang nahm. Der Umfang der Akte war mehr als ich erwartet habe. Unter Anspannung blätterte ich im Lesesaal Seite für Seite um und ich hab mich kaum bewegt, so hat mich die Akte in ihren Bann gezogen. Was werde ich lesen? Wird sich das sehr positive Bild meines Großvaters verändern? 
In der Akte befand sich ein Bogen mit mehr als 100 Fragen die meine Großmutter nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet hat, ein Passfoto, ein Fragebogen zur Person der bei der Einberufung 1943 erstellt wurde: 177 cm groß, 65 kg schwer, Schuhgröße 42, mittelbraune Augen, athletisch, Rasse vorwiegend nordisch.... Die Anfragen an das Arbeitsamt und die Verwaltung seiner Heimatgemeinde waren positiv: Nachteile sind nicht bekannt, ein sehr anständiger und zurückhaltender Mann, in Parteiuniform hat man ihn nicht gesehen. - Das Verfahren wurde eingestellt.


Minsk - Ruhmeshügel


Die Rundreise beginne ich in Minsk und folge dem Weg den mein Großvater zurückgelegt hat: Witebsk, Orscha, Mogilev, Bobruisk und Karma (Korma) wo sich seine Spur verliert: "Vermisst seit dem 25. Juni bei Korma/ Raum Bobruisk/UdSSR". - 1961 wurde er laut Beschluss des Amtsgerichtes mit Wirkung vom 31.12.1945 für tot erklärt.
Im Gedenkbuch des deutschen Soldatenfriedhofes Schatkowo, nördlich von Bobruisk, nicht weit von der Beresina, ist sein Name eingetragen. Der Fluss ist bekannt durch die gleichnamige Schlacht von 1812 als die Grande Armée Napoleons dort auf dem Rückzug gegen die Truppen des Zaren kämpfte.



Letzte Ruhe in Schatkowo


.  M  .


Sonntag, 7. April 2019

Russland - Ostern 1942

Das Osterfest fiel 1942 auf den 5. und 6. April. Vor zwei Tagen, genau 77 Jahre nach dem Ostersonntag 1942, erhielt ich ein Original-Tagebuch eines unbekannten deutschen Soldaten.

5. April 1942
Der Feind hat uns über Ostern reichlich Ostereier in Form von Fliegerbomben übermittelt. Seit zwei Wochen geht jeder mit Decken und Gewehr in den Wald um in Bunkern zu übernachten.
6. April 1942
Bunkerbau für die Auswertung im Wald von Korkino.

Das Tagebuch beginnt am 1. Oktober 1940 in Lisieux, Nordfrankreich mit dem Eintrag: vormittags Arbeitsdienst, nachmittags Fahrt nach Lisieux. – Die Zeit in Frankreich liest sich nach der Eroberung ganz "gechillt": Übung, Arbeitsdienst, Unterricht, Fußdienst, Auswertungsunterricht, Singen, Sport, Theaterbesuch, Sport, dienstfrei - Fahrt nach L'Aigle, Geländedienst, Weihnachtsfeier, gemeinsames Kaffeetrinken, Fahrt nach L'Aigle zum Kino, Silvesterfeier, schießen, Waffen reinigen, Kirchgang. Ab 24. Januar 1941 gab es 3 Wochen Heimaturlaub.
Wenige Tage nach seiner Rückkehr wurden am 27. Februar 1941 die Fahrzeuge verladen und die Fahrt ging über Belgien, Holland, Deutschland, durch Polen über Vilnius nach Witebsk (Belarus).
In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli erfolgte ein Fliegerangriff: 4 Wagen und 3 andere Fahrzeuge von unserer Abteilung beschädigt, von meinem Wagen die Windschutzscheibe zersplittert. Ich saß noch im Führerhaus, zum Glück niemand verletzt, dauernd auf Umwegen gefahren. Der Fliegerangriff erfolgte etwa 10 km von Witebsk.

In seinem Tagebuch bewahrte der 'unbekannte Soldat' einen Zeitungsausschnitt mit dem international bekannten Soldatenlied 'Lili Marleen', auf. 


.  M  .

Dienstag, 26. Juni 2018

Russland - gestern & heute

Gestern war der 74. Todestag meines Großvaters Rudolf. - Mein Großvater fiel in Russland zu Beginn der Operation Bagration bei Bobruisk. Drei der vier Divisionen des rund 40.000 Mann starken 53.Korps in Witebsk unter General Friedrich Gollwitzer durften auf Hitlers Erlaubnis hin am 25. Juni 1944 "ausbrechen" - doch die russischen Stoßkeile standen da schon 80 Kilometer weiter im Westen, die Ausbrecher fanden sich überall umzingelt, liefen in Sperren, wurden bombardiert, aufgerieben, getötet oder ergaben sich......



- Deutscher Soldatenfriedhof in Costermano sul Garda -
eine von 833 Kriegsgräberstätten in 46 Ländern die vom
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreut werden

Meine Mutter hat, verständlicherweise, kein Faible für Russland und der Russe war und ist bei ihr der Feind. Trotzdem bestellte ich vor etwa 40 Jahren beim staatlich russischen Tourismusamt ein Prospekt über die Transsibirische Eisenbahn. Die Transsib hinter dem Eisernen Vorhang faszinierte mich wohl auch deshalb, weil sie ein völlig unbekanntes Land durchquerte und unerreichbar schien. Für mich blieb es bisher bei diesem Prospekt und einem Buch über diese Eisenbahn.

In den vergangenen Wochen fuhr meine Tochter mit der Transsibirischen Eisenbahn von Novosibirsk nach Irkutsk, weiter in die Mongolei nach Ulaanbaatar und über Ulan-Ude zurück nach Novosibirsk. Zuhause kamen immer wieder Fotos von Bahnstationen entlang der Strecke samt Kurzberichten an. Auch Fotos vom Baikalsee, von buddhistischen Tempeln und dem monumentalen Reiterstandbild des Dschingis Khan. 

Auch wenn ich es bis heute nicht geschafft habe mit der Transsib zu fahren so ruckelte doch mein Pullover in Stephanies Rucksack unendlich viele Eisenbahnkilometer durch Russland! 
Sie hat in Russland und der Mongolei viele Freundschaften geschlossen. Die jungen Menschen lassen sich von dem nicht akzeptablen Tun der Politiker in Europa nicht beeinflussen und das ist auch gut so. 



Samstag, 20. Mai 2017

Kriegsgefangenenakte aus Russland

Vor 4 Jahren begann ich diesen BLOG mit einem Beitrag über Leonhard Klenk aus der Hankertsmühle im Rottal. Ich schreibe heute den 338. Beitrag auf meinem BLOG und zum 4. BLOG-Geburtstag sollten die neuesten Fotos von der Hankertsmühle hier erscheinen.
Pläne sind dazu da, dass man sie ändert, denn heute kam Post vom Generalsekretariat Suchdienst des DRK München und der Inhalt des Briefes ist mir heute wichtiger als die Hankertsmühle.

Vor 3 Jahren machte ich mich auf die Suche nach den Vorfahren eines Freundes. Ich bekam einen Karton mit vielen alten Familienfotos, Feldpostbriefen und Totenzetteln seiner Urgroßeltern und seines Großvaters Hermann. Am Ende der Recherche entstand eine interessante und sehr weit zurückreichende Familiengeschichte mit Familienfotos, Totenzetteln, Feldpostbriefen und einer Kostenberechnung über 50 Pfund feine Leberwurst aus Hermanns Schulheft von der Meisterschule der Metzger.

"gestorben anfangs August 1944 im Lazarett in Russland" stand unter Hermanns Foto auf dem Totenzettel, er wurde nur 31 Jahre alt, hinterließ Eltern, seine junge Frau und zwei kleine Kinder. Mehr wusste die Familie nicht über seine Kriegsgefangenenzeit und wo er bestattet wurde.

Die Recherche ist für mich aber erst beendet, wenn das Schicksal eines Soldaten geklärt ist. Es ist einfach ein Muss, alle Suchmöglichkeiten zu nutzen. Das sind wir den Soldaten schuldig, die nach dem Krieg nicht mehr zu ihren Familien nach Hause gekommen sind. Die Onlinesuche beim Volksbund war erfolglos, deshalb stellte ich einen Suchantrag beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Heute kam also in einem großen Briefumschlag die ersehnte Antwort aus München. Wo sonst eine Briefmarke klebt war der Brief mit dem Vermerk gestempelt: SERVICE DES PRISONNIERS DE GUERRE - KRIEGSGEFANGENENPOST GEBÜHRENFREI

Der Brief enthielt Karteikarten aus dem Frontaufnahmelager und aus dem Lazarett. Die Kriegsgefangenenakte besteht aus einem Fragebogen des russischen Innenministeriums über die persönlichen Daten, über die Familie, die soziale Herkunft (Besitzstand der Eltern), Besitzstand des Kriegsgefangenen, schulische Bildung, berufliche Kenntnisse, Militärausbildung, Dienstgrad, Dienststelle, Fremdsprachenkenntnisse, Verwandtschaft in der UdSSR, Gerichtsverfolgung, Auszeichnungen, Datum und Ort der Gefangennahme. Der Obergefreite Hermann S. kam am 6. Oktober 1943 bei Newel (Gebiet Pskow) in russische Gefangenschaft. Am 27. Oktober 1943 hat Hermann im Frontaufnahemlager Nr. 41 den Fragebogen unterschrieben. Er kam am 5. Dezember 1943 aus Ostaschkow in das Lager 158 nach Tscherepowez. Die Akte enthält außerdem einen Totenschein vom 3.August 1944 mit der Todesursache "Dystrophie 3. Grades" und einen Bestattungsschein vom 5. August 1944 des städtischen Friedhofes Tscherepowez, im Gebiet Wologda, 500 km nördlich von Moskau.

Auf dem städtischen Friedhof im Südwesten der Stadt wurden die Kriegsgefangenen, die im Lager von Tscherepowez verstarben, beigesetzt. In der Nachkriegszeit wurde die Parzelle der Kriegsgefangenen durch Beisetzung von Ziviltoten vollständig überbettet. Auf dem Friedhof ruhten: 2.830 Deutsche, 26 Spanier, 109 Finnen, 7 Moldauer, 8 Italiener, 9 Litauer, 44 Polen, 76 Ukrainer, 152 Österreicher, 43 Letten, 13 Franzosen, 16 Jugoslawen, 434 Ungarn, 400 Rumänen, 23 Tschechen, 9 Japaner, je 1 Russe, Holländer, Este, Amerikaner, Luxemburger, Schweizer und Belgier. Insgesamt 4.206 Kriegsgefangene. - Freund und Feind im Tod vereint.
Im Jahr 2007 hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. einen Gedenkplatz für alle dort ruhenden Kriegsgefangenen gebaut.

Tod durch Verhungern wurde mit Dystrophie 3. Grades umschrieben. Der Lagerspiegel vom Lager Tscherepowez beschreibt die damaligen Verhältnisse: Unterkunft in Baracken, schlechte und vollkommen unzureichende Verpflegung, kaum Medikamente und Verbandszeug. Der Arbeitseinsatz ging über 10 Stunden täglich in der Holzverarbeitung, beim Torfstich, bei Erdarbeiten, in der Metallzeche, in der Kolchose und im Pferdelazarett.
90 % der Patienten starben an Fleckfieber, Ruhr, Typhus, Tbc, Dystrophie, Ödemen, Erfrierungen und Unfällen.

Die russischen Dokumente werden von meine Tochter für Hermanns Tochter Ursula übersetzt. Die Ungewissheit über sein Schicksal ist damit nach 73 Jahren beendet.


Samstag, 31. Dezember 2016

DJT fight for a better world

Mit dem letzten Sonnenuntergang des Jahres 2016 über meiner schwäbischen Heimat geht ein weiteres Bloggerjahr zu Ende. Ein Jahr das bei der Ahnenforschung immer wieder Überraschungen parat hatte. Ein Jahr in dem ich zum zweiten Mal dem französischen Staatspräsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin begegnet bin. 'Small talks' mit Francois Hollande und Angela Merkel, mit Menschen die Geschichte 'schreiben',  wer kann das schon von sich erzählen?!
Die Reise nach Verdun und Romagne-sous-Montfaucon war das Highlight in diesem Jahr. Dort, wo sich vor 100 Jahren französische und deutsche Soldaten an der Front gegenüberstanden, spielte das deutsche Heeresmusikkorps aus Ulm die Totensignale "Aux Morts" und "Ich hatte einen Kameraden", sowie die französische Nationalhymne und die deutsche Nationalhymne. Beeindruckt hat mich an diesem Tag ein Amerikaner, der nach Verdun gereist war, um am Grab seines gefallenen Großvaters einen Blumenkranz niederzulegen.
Die europäische Einheit war aber noch nie so in Gefahr wie in diesem Jahr. Die politische Landschaft hat sich verändert, auch in den Vereinigten Staaten. Wir haben Verwandte und Freunde in Übersee, wir haben aber auch in den letzten Jahren Freundschaften mit Russen geschlossen. Ein Land das für mich im Alter meiner Tochter unerreichbar war. Darum freut es mich um so mehr, dass meine Tochter die russische Sprache erlernt hat, in Moskau studiert und in Sibirien gearbeitet hat.
An Weihnachten 1943 war mein Großvater als deutscher Soldat in Russland. An Weihnachten 2016 besuchten uns russische Freunde meiner Tochter aus Moskau. - What a change !

Barack Obama, der als Friedensnobelpreisträger gestartet war, hat die Hoffnungen der Amerikaner und der restlichen Welt nicht erfüllt, das Verhältnis zu Russland ist untragbar, um so ärgerlicher, dass die große Europäische Union kein Rückgrat zeigt und amerikahörig ist.

 DJ Trump: fight for a better world !
Ob DJT meinen Wunsch wohl erfüllen kann?




Sonnenuntergang an Silvester in den Kleinbottwarer Weinbergen


Das neue Ahnenforschungsjahr starte ich am 1. Januar mit der Besichtigung der Burg Lichtenberg in Oberstenfeld. Gleichzeitig stimmt sich mein Heimatdorf mit Glockengeläut auf ein Jahr ein, das für uns Protestanten eine ganz besondere Bedeutung hat: das Lutherjahr. Zahlreiche Veranstaltungen erinnern daran, dass Martin Luther im Jahr 1517 seine berühmten Thesen über den Ablasshandel veröffentlichte und damit die Reformation anstieß. Das Glockengeläut beginnt um 15.17 Uhr und wird 500 Sekunden lang dauern. - Das Lutherjahr beschert uns am 31. Oktober einen einmaligen Feiertag.




Montag, 28. März 2016

Josef Nafzger - durch den Stich einer Kosaken-Lanze verwundet

Die dicken Halblederbände der „Gerichts- und Gde.Ratsprotokolle“ im Ortsarchiv Höpfigheim geben Einblick in die früheren Geschehnisse:
Als es im Jahr 1827 um die Nachfolge des verstorbenen Höpfigheimer Feld- und Waldschützen Scherb ging, hat der Gemeinderat Josef Nafzger (*1788) zum neuen Schützen bestellt, weil er "geeignet war und wegen seiner im russischen Feldzug erlittenen Drangsale“.
Von den 15.800 Württemberger Soldaten, die mit Napoleon 1812 nach Russland gezogen waren, kamen 1813 nur knapp 500 in die Heimat zurück. Zu den Heimkehrern gehörte auch Josef Nafzger, der durch den Stich einer Kosaken-Lanze verwundet wurde.
Bei seiner Heirat mit Katharina Klara Wagner (1805 - 1845) im Jahr 1830 wurde im Kirchenbuch vermerkt: "hat den Rußlandfeldzug mitgemacht".
Drei Söhne sind nach England ausgewandert, ihre Nachfahren pflegen heute noch den Kontakt zu Familienangehörigen in Höpfigheim.



Josef Nafzger ist der Bruder meines 4-fachen Urgroßvaters, Johann Friedrich Nafzger (1773 - 1862), Traubenwirt in Höpfigheim.


Freitag, 25. März 2016

Russlandfeldzug - von Prevorst nach Russland und wieder zurück

Das Familienregister von Prevorst enthält auf Seite 50 einen wohl sehr seltenen Eintrag:
Johannes Sinn, Bürger und Holzmacher, hat den Feldzug nach Rußland 1812 mitgemacht und ist zurückgekehrt.

Napoleon zog 1812 eine Riesenstreitmacht, die Grande Armée, zusammen. Ihr gehörten über 600.000 Soldaten aus fast allen Teilen Europas an. Nur die Hälfte kam aus den französischen Départements, die andere Hälfte stellten Kontingente aller Nationalitäten: Deutsche und Österreicher, Polen und Litauer, Italiener, Spanier, Holländer, Dänen, Schweizer, Serbokroaten.

Vom 24. bis zum 26. Juni überschreitet die Grande Armée auf drei Pontonbrücken die Memel; an die 450.000 Mann zählt die erste Welle der Invasionstruppen. - Nur noch 16.000 Soldaten erreichen am 16. Dezember auf dem Rückzug wieder die Memel; einige Tausende Versprengter folgen in den nächsten Tagen. - Der Russlandfeldzug war der Anfang vom Ende der Herrschaft Napoleons über Frankreich und Europa.
(ZEIT ONLINE: Der Tod der Grande Armée)

 Rückzug über die Beresina

Es grenzt also an ein Wunder, dass Johannes Sinn seine Heimat wieder sah. Wie es ihm in den 30 Jahren nach diesem Gemetzel in Russland erging ist nicht überliefert. Im Januar 1842 sind er und seine Ehefrau Rosina innerhalb einer Woche in Prevorst verstorben.

Aus dem Höpfigheimer Ortsarchiv: Von den 15.800 Württembergern, die nach Rußland gezogen waren, kamen 1813 nur knapp 500 in die Heimat zurück.