"Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft." - Wilhelm von Humboldt
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Mittwoch, 1. Juli 2020

Medizin der Schwaben - Eau de Vie

der liebe Gott 
hat nicht gewollt
dass edles Obst
verderben sollt
drum hat er uns
um gut zu leben
den Schnaps als
Medizin
gegeben


Und genau deshalb lassen wir, wie viele Generationen im Schwabenland zuvor, das edle Obst nicht verderben. Vater und Onkel die wir hätten fragen können sind verstorben, so mussten wir uns selbst mit der Materie beschäftigen und experimentieren. Was aus den edlen Äpfeln wurde, kann sich durchaus sehen bzw. trinken lassen. 



eine große Apfelernte kündigt sich an ... 


Ein alter Stuttgarter Schwob nannte die Hochprozentigen "eingefangener Sonnenschein", eine doch sehr positive Umschreibung des eher negativen besetzten Wortes 'Schnaps'. Schnaps wird eher mit Alkoholiker anstatt mit Genuss in Verbindung gebracht. Der Franzose nennt den eingefangenen Sonnenschein 'Eau de Vie', wörtlich übersetzt: Lebenswasser. Rein sprachlich hört sich auch das 'Feuerwasser' aus der Wildwestliteratur weitaus besser an als das ordinäre Wort 'Schnaps'. 


.  M  . 



Montag, 24. Februar 2020

Feilenhauer - ein alter Beruf

Im Familienregister von Stuttgart-Zuffenhausen habe ich zum ersten Mal den Beruf Feilenhauer gelesen. Diesen Beruf hatte der 1857 in Frauenzimmern geborene Gottlieb Friedrich Kühlmann. Er scheint ein unsteter Geselle gewesen zu sein, möglicherweise zog er mit seiner Familie übers Land, stellte vor Ort in den Dorfschmieden Feilen her und bereitete alte Feilen und Raspeln wieder auf.
Seine 12 Kinder sind in Ludwigsburg, Erdmannhausen, Heilbronn und in Dörfern um Heilbronn herum geboren: Biberach, Sontheim, Böckingen. Seine Tochter Pauline wurde 1915 in Mägerkingen im Kreis Reutlingen konfirmiert. Bei der Hochzeit von Karoline Maria 1916 in Feuerbach war der Vater "mit unbekanntem Aufenthaltsort abwesend". Im Jahr 1922 erklärte Gottlieb Friedrich seinen Kirchenaustritt, danach verliert sich seine Spur. Seine Ehefrau Jacobine Wilhelmine geborene Stierle aus Erdmannhausen, ist 1944 in Stuttgart-Feuerbach verstorben.


Der Beruf entstand im späten Mittelalter als ein Spezialzweig des Schmiedehandwerks, zum ersten Mal wird dieser Beruf 1387 in Frankfurt am Main erwähnt, in Nürnberg ab 1494 genannt. Im 19. und 20. Jahrhundert war Remscheid und das Bergische Land ein Zentrum der Feilenhauerei. - Die Herstellung von Feilen wurde immer mehr automatisiert und in Fabriken verlagert. Als handwerkliche Tätigkeit verschwand die Feilenhauerei allmählich. In Baden-Württemberg beispielsweise strich man den Beruf in den 1950er Jahren aus der Liste der Handwerksberufe, der letzte Betrieb schloss in den 1980ern.




.  M  .

Donnerstag, 4. Juli 2019

Am Anfang war eine alte Uhr - England Sommer 2019

Am Anfang war eine alte Uhr bei einem befreundeten Uhrmacher zur Reparatur. Umfangreiche Recherchen über den Uhrmacher der zu reparierenden Uhr folgten. Anfang 2016 schrieb ich hier Leonhard Krauth - vom Odenwald zu Sotheby's New York.  
Die Recherche ist längst abgeschlossen und trotzdem lässt uns der alte Uhrmacher Krauth bis heute nicht los: Letzten Sommer kamen drei Generationen Krauth nach Stuttgart um bei einem Sammler die Kaminuhr ihres Vorfahren Leonhard zu bewundern.


Biedermeier-Skelett-Uhr von Leonhard Krauth

Wir, der Uhrmacher, meine Tochter und ich ließen uns weder den Besuch der drei Krauths noch die Skelett-Uhr entgehen. Wir trafen drei sehr sympathische Engländer mit deutschen Wurzeln, die schon viele Jahre immer wieder ins Ländle kommen um nach Spuren ihrer Vorfahren zu suchen. Die Kaminuhr im Original zu sehen war ein Highlight.
Meine Tochter und ihr Freund fahren in Kürze nach England und besuchen dort seine Schwester mit ihrer Familie. Der Zufall will es, dass die Schwester nur 20 Meilen von den Krauths entfernt wohnt. Der Besuch bei den Nachfahren des Uhrmachers ist ein MUSS. Tochter, Freund, seine Schwester und ihr Mann treffen sich zum Abendessen mit Familie Krauth. Und im August kommen die drei Krauths wieder nach Stuttgart, back to their roots.

Am Anfang war eine alte Uhr .... 


.  M  .


Montag, 13. Mai 2019

1866 - Steinheim, Ohio und wieder zurück - 2019

Im Jahr 1866 machte sich der 18-jährige Küfer Gottlieb Krautter aus Steinheim auf den Weg nach Nordamerika. Wie schon viele Steinheimer zuvor suchte er sein Glück in der Neuen Welt. Ein Teil der Auswanderer hielt schriftlichen Kontakt zu den Eltern und Geschwistern in der Heimat. Von anderen Auswanderern hat man nie wieder etwas gehört.
Und in dieser Woche, einhundertdreiundfünfzig Jahre nach Gottliebs Auswanderung, begibt sich seine Urenkelin von Ohio aus auf die Spuren ihrer Vorfahren nach Steinheim.
Seit 10 Jahren beschäftigt sie sich mit ihren Ahnen und suchte immer wieder nach Verwandtschaft, aber bisher leider ohne Ergebnis. Wenige Tage vor dem Abflug nach Deutschland kam der "Durchbruch" ganz unerwartet, denn alles sprach dafür, dass es mit der von ihr ausgekundschafteten Steinheimer Familie doch keine verwandtschaftlichen Beziehungen geben soll.
Da ich meinen Online-Stammbaum mit allem was so passt "füttere", also nicht nur mit meinen Vorfahren, war ich der Rettungsanker. Anhand von Familienregistern und der Hilfe meiner Mutter, die sich noch an die alten Familien in Steinheim erinnern kann, landete ich den Volltreffer. Einen? Nein, denn nicht nur die ausgekundschaftete Familie ist mir ihr verwandt, ich habe noch eine Familie gefunden, die von Wilhelm, dem Zwillingsbruder des Auswanderers abstammt.
Um so größer ist die Freude von Gottliebs Urenkelin. Sie reist nach Steinheim um den Ort zu besuchen wo Gottlieb seine Jugend zugebracht hat und jetzt werden ihre Erwartungen mehr als übertroffen. Zwei Steinheimer Familien bereiten sich auf ihren Besuch vor.
Bevor sie eintrifft, gehe ich noch in die Staatsarchive nach Ludwigsburg und Stuttgart um die Dokumente der Auswanderungen zu kopieren. Sie hat noch einen weiteren Auswanderer aus Rielingshausen im Stammbaum, der bereits 1832 mit seiner Familie und einem stattlichen Vermögen von 1.700 Gulden ausgewandert ist.


Gottlieb hat das Küferhandwerk gelernt und reiste 1866 mit einem Vermögen von 200 Gulden nach Hamburg. Er steht auf der Passagierliste des Schiffes Alemannia, mit dem er am 21. Juli 1866 in New York ankam.
Seine erste Ehefrau Mary Ann stammt ebenfalls aus Steinheim, ihr Großvater Johann Gottfried Baad wanderte mit seiner zweiten Ehefrau und seinen fünf Kindern aus der ersten Ehe 1846 aus, die Familie ließ sich in Coshocton County, Ohio nieder. Für einen Totengräber hatte er ein erstaunlich großes Vermögen von 6.700 Gulden, ein sehr guter Start für den Aufbau einer neuen Existenz in der Neuen Welt.

.  M  .


Montag, 15. April 2019

Großbottwar - Herzog Carl Eugen und die Bäckerei Weigle

Es schlug fast wie eine Bombe ein, als zu Jahresbeginn die Schließung der Bäckerei Weigle in Großbottwar angekündigt wurde. Der Familienbetrieb ließ nach mehr als 300 Jahren den Backofen ausgehen. Auf der Webseite der Weigles stand "seit 1715 Ihr Bäcker Weigle".
Familie Weigle ließ die Besucher ihrer Webseite einen Blick in die Familienchronik werfen. Der schwäbische Sonnenkönig, Tyrann, Verschwender und Modernisierer Herzog Carl Eugen (1728 - 1793) war Kunde in der Bäckerei Weigle wenn er auf die Jagd zum Sternwald (heute: Kälbling) ging.
So ist überliefert, dass Johann Carl Weigle am 5. Dezember 1752 um 6 Uhr morgens vor der Treibjagd im "Schäferhölzle" zwei Dutzend Äpfel-, Speck- und dicke Salzkuchen den hohen Herrschaften liefern musste.


Großbottwar anno 1686
aus dem Forstlagerbuch von Andreas Kieser

Der "Beck" Johann Georg Weigle (1741 - 1793), Enkel des Firmengründers Jacob Weigle, heiratete im Jahr 1763 die ebenfalls aus Großbottwar stammende Anna Maria Laitenberger (1742 - 1812).
Anna Marias Eltern, Johann Jacob Laitenberger und Margarethe Acker, sind meine 6-fachen Urgroßeltern. Johann Jacob war in jungen Jahren Grenadier im württembergischen Leib-Grenadier-Bataillon, später Weingärtner und Viertelsmeister in Großbottwar.
Viertelsmeister waren Helfer der Exekutive und Judikative. Es waren angesehene, gewählte Persönlichkeiten, die über lokale Orts- und Bürgerkenntnisse verfügten, um in Stadt- oder Landvierteln Aufgaben wie die Unterstützung bei Wahlen oder polizeiliche Aufgaben übernahmen.


.  M  .



Mittwoch, 2. Januar 2019

Hexenturm Möckmühl 1656 - Sechsundzwanzig Wochen in Ketten

Anna Maria Kayser (1626 - 1703) geborene Johannes, meine 9-fache Urgroßmutter aus Möckmühl, wurde 1656 der Hexerei bezichtigt.
Hexenjagden gab es in dieser Zeit weltweit. Eine Beschuldigung, sei es aus Missgunst oder Wichtigtuerei, wurde von der Obrigkeit sehr ernst genommen und es gab kaum ein Entrinnen. Legten die Beschuldigten kein Geständnis ab, wurde sie inhaftiert und gefoltert um den Beschuldigten dadurch eine Geständnis abzuringen. Denn erst nach dem Geständnis durfte eine "Hexe" auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden.


Zeitgenössische Darstellung einer Hexenverbrennung

Während andere der Hexerei beschuldigten Frauen in Möckmühl der Folter nicht standhalten konnten, ein Geständnis ablegten, zum Tode verurteilt und verbrannt wurden, flehte Anna Maria Gott um Hilfe an. Sie betete dass Gott die Wahrheit ans Licht bringen würde. Sie tröstete sich mit Gottes Wort, ihr Gesang ging zu Herzen. 
Während der 26-wöchigen Inhaftierung in Eisenketten hatte sie nur ihre Bibel und ihr Gebetbuch bei sich. Die Richter konnten ihr kein Unrecht nachweisen, bei der Freilassung forderten sie eine Gebühr von 100 Gulden, die sie als Unkosten deklarierten. Diese Forderung war nicht legal, aber ihr Ehemann hatte keine andere Möglichkeit als zu zahlen um seine Frau aus dem Hexenturm frei zu bekommen. Anna Maria musste schwören, sich nicht zu rächen. - Sie hatte von den bis zu 3 Stunden dauernden Folterungen Narben, die sie lebenslang an diese Tortur erinnerten. 

Carl Sebastian (*1726), der Urenkel von Anna Maria und Kilian Kayser ist 1749 nach Philadelphia ausgewandert. Er war, wie auch sein Vater und sein Urgroßvater Kilian, Metzger von Beruf. 
Herzlichen Dank an seine Nachfahren aus den USA, die über ihre Vorfahren aus Möckmühl recherchiert haben und "The story of Kilian Kayser and Anna Maria" geschrieben haben.

Mein Vorfahre, der älteste Sohn Johann Cunrad (*1654), erlernte ebenfalls das Metzgerhandwerk. Die nachfolgenden Generationen waren Handelsleute und Lebküchner.  



.  M  .


Samstag, 24. November 2018

Georg Friedrich Zundel - Clara Zetkin - Paula Bosch

Meist beginnt eine Recherche ganz 'harmlos' mit Geburtsort, Geburtsdatum, Heirat und Todestag. Hinzu kommt der Beruf und eventuell ein Amt innerhalb der Gemeinde und vielleicht gibt es noch Auswanderer innerhalb der Familie, das war es dann meist auch schon.
Man kann aber auch ganz unbeabsichtigt bei der Frauenrechtlerin Clara Zetkin und Paula Bosch, Tochter von Robert Bosch, und Lenin "landen".
Über die Auswanderung des Ehepaares Zundel-Arnold nach Nordamerika habe ich bereits berichtet. Vorfahre des Auswanderers Johann Friedrich Arnold ist der Murrer Ochsenwirt Hans Leonhard Pfuderer, mein 6-facher Urgroßvater

Die Familie Zundel, die Vorfahren seiner Ehefrau, hat ihre Wurzeln in der Schweiz. "Alt" Hans (Johannes) Zundel kam nach dem 30-jährigen Krieg und vor 1666 aus Sargans (Sankt Gallen, Schweiz) nach Wiernsheim im Heckengau. Er war Zimmermann und später Zunftmeister des Maulbronner Zimmerhandwerks. Nach der Herkunft dieser Einwandererfamilie wurde eine Wiernsheimer Straße in "Schweizer Straße" benannt. Der älteste namentlich bekannte Zundel ist Nicolaus, anno 1501 in Sargans geboren. 

Das Leben Georg Friedrich Zundels (*1875 Iptingen), Sohn des Wiernsheimer Löwenwirts und Bierbrauers, der mit 14 Jahren sein Elternhaus verließ und nie wieder betrat, ist sehr außergewöhnlich. Nach einer Malerlehre in Pforzheim war er Dekorationsmaler in Frankfurt, studierte Kunst in Frankfurt und Stuttgart. Zundel war in den Jahren des Studiums mit sozialistischen Ideen in Kontakt gekommen. Er lernte die in Stuttgart als Redakteurin der SPD-Frauenzeitung Die Gleichheit arbeitende sozialistische Politikerin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin kennen. Er heiratete 1899 die achtzehn Jahre ältere Clara und lebte mit ihr von 1903 bis zur Scheidung 1926 in einem Landhaus in Sillenbuch (Stuttgart), das zu einem beliebten Aufenthaltsort für internationale Führer sozialistischer Organisationen wurde. Auch Lenin machte dort 1907 Station.

Nach der Scheidung von Clara Zetkin heiratete er 1927 Paula Bosch, die er schon gemalt hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. Mit ihr zog er auf den von Robert Bosch für seine Töchter gebauten Berghof bei Tübingen, wo er sich neben der künstlerischen Tätigkeit auch der bäuerlichen Arbeit zuwandte.
Aus der Ehe mit Paula Bosch ging als einziges Kind der Sohn Georg Zundel hervor. Friedrich Georg Zundel erhielt ein Ehrengrab auf dem Tübinger Stadtfriedhof.


Paula Zundel-Bosch in der Tübinger Kunsthalle - 1972

Paula Zundel-Bosch und ihre Schwester Margarete Fischer-Bosch stifteten 1971 die Kunsthalle Tübingen, um eine dauerhafte Bleibe für Zundels Werke zu schaffen. Für die Verdienste um die Stadt Tübingen wurde Paula Zundel, wie auch ihre Mutter Anna Bosch, zur Ehrenbürgerin der Stadt Tübingen ernannt.


---->  Georg Friedrich Zundel   <----


.  M  .


Dienstag, 18. September 2018

Urach - Herberge 'Zum Goldenen Kreuz'

Einer meiner Lieblingsplätze im Südwesten ist das Café vom Beckabeck auf dem Uracher Marktplatz. Bei einer Sommertour auf die Schwäbische Alb gehört das Frühstück beim Beckabeck einfach dazu bevor die Fahrt auf die Albhochfläche geht. Der Uracher Marktplatz mit den mittelalterlichen Fachwerkhäusern ist einer der schönsten Marktplätze in Süddeutschland.
Und wenn auf dem Marktplatz beim Open-Air-Gottesdienst das uralte Lied von Paul Gerhard "Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerszeit ..." erklingt, kann ein Sonntag nicht perfekter sein.
Am Marktplatz befindet sich auch das Alte Oberamt, das in der Mitte des 15. Jahrhunderts erbaut wurde. 1568 wurde das Gebäude zur Herberge "Zum Goldenen Kreuz". Von 1812 bis 1938 hatte das Gebäude die Funktion des Oberamts.


Gasthaus "Zum Goldenen Kreuz" und später Oberamt Urach

Anno 1619 ist mein Vorfahre Johannes Spring, Fuggerscher Präfekt auf Burg Stettenfels und späterer Pfarrer in Oberstenfeld und Murr, in Urach geboren. Conrad Spring (1503 - 1583), Urgroßvater von Johannes Spring, ist Metzger und Gastgeber (Wirt) "Zum Goldenen Kreuz" gewesen: 'Er hat Haus und Herberge neben dem Kantengießer Eberhard Hüttenschmied'. - Zudem war er Armenpfleger, Ratsherr, Gerichtsverwandter und Hauptmann des ersten Stadtfähnleins (= Bürger der Stadt).
Dass ein familiärer Bezug zur ehemaligen Herberge "Zum Goldenen Kreuz" am Uracher Marktplatz besteht weiß ich erst seit heute. - Künftig wird das Albfrühstück beim Beckabeck mit Blick auf das Haus meiner Vorfahren noch viel besser munden.


.  M  .


Mittwoch, 22. August 2018

Fantasie & Wirklichkeit oder Abschied für immer

Im Mai habe ich unter Steinheim - das Lämmle & die Lovestory  über Traude und Walter Sänger geschrieben. Das Künstlerehepaar aus Marbach gehört zur entfernten Verwandtschaft.
Walter (*1928) ist bereits 1994 überraschend verstorben, seine geliebte "Schnecki" Traude (*1928) ist ihm nach längerer Krankheit vergangenen Oktober gefolgt.
Im und um das Haus wurde nach dem Ableben von Walter kaum etwas verändert. Das Atriumhaus, außen unscheinbar, aber innen die Wände voll mit bunten Kunstwerken, Collagen, Gemälden, farblich auffallenden Möbeln und Vorhängen, überall der von Traude entworfene Schmuck. Traude hat nahezu alles gesammelt, von einem Blatt über Federn, alte rostige Blechdosen, Bücher, Sand von verschiedenen Stränden und Bonbonpapierchen. Im Garten neben dem Fischteich, in dem immer noch ihre Goldfische schwimmen, stand jahrzehntelang ihr geliebtes Lämmle, das wir inzwischen restauriert und auf ein neues altes Brett gestellt haben, das wir aus einem alten Holzlager einer längst geschlossenen Steinheimer Stuhlfabrik erworben haben.
In den vergangenen Wochen wurde der "Haushalt" und das Lager der ehemaligen Firma "Sängerform" von einem Auktionshaus geräumt. Alles, wirklich alles, steht zum Verkauf. Noch einmal durch das Haus zu wandeln, das ich seit über vier Jahrzehnten kenne, war mir ein Bedürfnis. Ganz ehrlich, ich war mehrmals dort .... die Schränke und Kartons steckten voller Überraschungen, vom Gesangbuch bis zu uralten Familienfotos, Ketten, Broschen, Federn, Collagen, Traudes farbenfrohe Kleider und Hüte .... es war ein Abschiednehmen für immer. Oder doch nicht ganz, denn ich erwarb eine Sitzgruppe samt Tisch, spanisch antik aus dem 19. Jahrhundert, mit Samt in pink gepolstert. - Bei keiner Schwäbin der alten Generation, außer eben bei Traude, standen so auffällig gepolsterte Sitzmöbel im Wohnzimmer. 
Das Lager von Sängerform war übervoll mit Modeschmuck und Stoffen, mit Bergen von Rohmaterial und alten Schmuckmustern der Messestände. Der Schmuck wurde von Traude entworfen, von fleißigen Marbacherinnen in Heimarbeit hergestellt, verpackt und auf internationalen Messen in London, Mailand, Paris, Berlin und Stuttgart verkauft. - Dieses Imperium wurde jetzt von Kaufinteressenten durchwühlt und geplündert. Eine Million Schmuckstücke etwa, schrieb die Marbacher Zeitung in ihrem Artikel Eine Schatzkammer wird aufgelöst mit dem der Verkauf angekündigt wurde.
Der Auktionator ist von der Vielfalt und dem Können der Sängers begeistert, ein Teil des Nachlasses wird im September auf einer Auktion in Stuttgart angeboten. Was mir an dem adeligen Auktionator gefällt, er hat auch ein Auge für die einfachen materiell wertlosen Dinge aus dem Leben von Traude und Walter, so wie diesen von Traude kunstvoll geschriebenen Text. Er hat auch das Berichtsheft von Walter aus seiner Lehrzeit bei der Firma Porsche "gerettet".


Aus dem Fundus von
Walter Sänger.
Nicht die Flucht aus der
Wirklichkeit ist für mich
faszinierend, sondern
die Gegenwart! -----
Die Fantasie ermöglicht das
fast Unmögliche ----
Entwickle dich ständig
bis zum Tod - Verrücktes
tun damit sich normales
entwickeln kann       T.

Mit einem großen T. wie am Ende des Textes,
signierte Traude ihre Kunstwerke, Briefe und
persönlichen Geschenke,
ein einfaches T mit Punkt
oder auch ganz schwungvoll.

Wir sind gespannt auf die Zukunft des Hauses, von Innenarchitekt Walter Sänger selbst entworfen und eingerichtet. Wer wird das Haus erwerben? Muss das Haus einem Industriebau weichen? Oder wird das Haus von neuen Eigentümern in diesem Stil erhalten und bleibt es weiterhin mit Kunst verbunden?
Ich setze mich jetzt ganz "wirklich" in einen der pinkfarbenen Sessel von Traude, denke an die gute alte Zeit mit ihr und Walter und vielleicht springt die eine oder andere "verrückte" Idee auf mich über ....

.M.

schon geht es los, ich signiere ab heute mit Punkt M Punkt

.M.




Firmenlogo von SÄNGERFORM



Freitag, 3. August 2018

4711 - immer dabei

"4711 immer dabei" hieß der Slogan des Parfüms und "4711" war fast das einzige Parfüm in Mini- und Großflaschen das man zu meiner Kinderzeit auf dem Land kannte. Das inzwischen große Angebot an internationalen Parfüms in Drogerien und Parfümerien hat "4711" so ziemlich verdrängt.

Doch plötzlich hing es über mir, hoch oben in der Altstadt von Schwäbisch Hall: "4711 Parfümerie Klein". Das Schild aus längst vergessener Zeit wurde bei Schließung der Parfümerie nicht abgehängt. Als ich wieder nach Schwäbisch Hall kam war inzwischen die Tourist-Information in die ehemalige Parfümerie Klein umgezogen und das historische Schild behielt weiterhin seinen Platz hoch oben über den Köpfen der Besucher der Salzsiederstadt, getreu dem Motto: "4711 immer dabei".


ehemalige Parfümerie Klein

Dienstag, 15. Mai 2018

Schwäbisch Hall - Kruzifix in St. Michael

Die Michaelskirche, die mit ihrer berühmten Treppe majestätisch über dem Marktplatz thront, wurde am 10. Februar 1156, im Jahr nach der Kaiserkrönung des Staufers Friedrich Barbarossa, vom Bischof von Würzburg  als romanische Basilika geweiht. 



St. Michael mit der berühmten Treppe
 auf der im Sommer Freilichtspiele stattfinden


Zu den herausragenden Werken der spätgotischen Kunst im Innern der Kirche gehört das überlebensgroße Kruzifix des Ulmer Bildhauers Michel Erhart. Es ist signiert und 1494 datiert.



Kruzifix von Michel Erhart - anno 1494

Michel Erhart, Bildhauer der Spätgotik, gehört zu meinen berühmten Vorfahren aus Ulm. Ich finde es immer wieder faszinierend, dass die Werke der Erharts nach über 500 Jahren noch sehr gut erhalten sind und in Kirchen und Museen besichtigt werden können. 


Dienstag, 8. Mai 2018

Steinheim - das Lämmle & die Lovestory

Das Lämmle vom Gasthaus Lamm in Steinheim stand einst auf einer "Nase" an der Fassade des Gasthauses und ist vor etwa 55 Jahren verschwunden. Nach einem Beitrag zur Heimatkunde über Gasthäuser in Steinheim aus dem Jahr 2011 soll es in einem Marbacher Garten sein.


das Lamm vom Gasthaus Lamm

Vor ein paar Wochen ist das alte Lämmle in Marbach "entlaufen" und hat bei mir eine neue Heimat gefunden. Aber wie kommt das Steinheimer Lämmle in einen Marbacher Garten?
Die kleine Traude, Jahrgang 1928, kam mit ihrem Vater, dem Marbacher Sattler Oscar Hammer, per Fahrrad oft durch Steinheim und sie erfreute sich immer wieder an dem Anblick des Lämmle am Gasthaus Lamm gegenüber dem Rathaus. Vater Oscar musste vor dem Gasthaus anhalten, damit seine Traude bei jeder Fahrradtour "ihr Lämmle" bewundern konnte.

Inzwischen erwachsen geworden und jung verheiratet, kam Traude nach Steinheim und ihr geliebtes Lämmle stand nicht mehr auf seinem Platz. Sie war enttäuscht, das Lämmle aus Kindertagen nicht mehr anzutreffen. Ihrem jungen Ehemann Walter tat seine junge Frau so leid, dass er am Gasthaus klingelte um sich nach dem Verbleib des Wirtshausschildes zu erkundigen.
Eine Frau kam ans Fenster und rief herunter "mir hend gschlossa." - "Wo ist das Lämmle", wollte Traude wissen. Die alte Dame ging mit Traude und Walter in den rückwärtigen Stall und dort stand das Lämmle in einem Futtertrog. Die Freude über das Wiedersehen war riesengroß. Da der Gasthausbetrieb eingestellt war, aber immer wieder hungrige und durstige Leute im Gasthaus einkehren wollten und an der Haustüre klingelten, wurde das Lämmle entfernt. Walter erwarb das Lämmle und es fand bei ihm und Traude ein neues Zuhause.

Im Jahre 1966 wurde das Gasthaus Lamm wieder eröffnet, das alte Wirtshausschild war aber unauffindbar, ein neues Lämmle wurde am Gasthaus angebracht. Als wir 1967 die Konfirmation meines Bruders im Lammsaal feierten wusste ich noch nichts vom verschwundenen Lämmle. Einige Jahre später sah ich das Lämmle im Garten bei Traude und Walter. Die Künstlerin hatte ihr Leben lang Freude an ihrem Steinheimer Lämmle das jahrzehntelang über den Gartenteich hinweg in ihr Wohnzimmer blickte. Wir waren immer wieder fasziniert wenn Traude ganz theatralisch über die Sonntagsausflüge mit ihrem Vater und von ihrer Enttäuschung über das fehlende Lämmle erzählte, wie sie mit der früheren Lammwirtin in den Stall ging und wie sie sich freute als sie das Lämmle im Futtertrog entdeckte. Noch größer war ihre Freude als sie das Lämmle mit nach Hause nehmen durfte. 

In Steinheim wusste man, dass das alte Lämmle vom Lamm in einem Marbacher Garten steht. Aber wo genau wusste zum Glück niemand. Ich behielt dieses Geheimnis samt der „Lovestory“ für mich um zu verhindern, dass man Traude das Lämmle abschwätzte.
Im Oktober letzten Jahres ist Traude im Alter von 89 Jahren verstorben, bis zu ihrem Todestag waren sie und das Lämmle unzertrennlich, ihr geliebtes Lämmle aus Steinheim war über 50 Jahre lang immer in ihrer Nähe.


die Restauration beginnt

Das Lämmle hat einige Blessuren, das alte Bodenbrett muss ersetzt werden, die Muttern an den rostigen Schrauben sind nicht mehr zu öffnen, ein Huf ist beschädigt und die Beulen müssen aus dem Blech gezogen werden.


die Hufe werden restauriert



Der goldfarbene Anstrich sollte entfernt und das Lämmle vergoldet werden. Unter der Goldfarbe kam jetzt ein roter Anstrich hervor. War das Lämmle nicht golden sondern rot? Können sich alte Steinheimer noch an das Lämmle erinnern? Ich machte mich auf die Suche während das Lämmle auf dem Weg in eine Dorfschmiede war um an den Hufen  repariert zu werden. Zwei Steinheimer, Mitte 70, können sich noch gut an das Lämmle erinnern. Rot? Nein, rot war es nicht, eher grünlich-grau. Grünlich-grau? Vermutlich durch die Oxydation des Kupferkörpers. Einer der Informanten wohnte als Bub über der Gaststätte, seine Großeltern waren damals die Wirtsleute im Lamm, der Opa starb 1960, die Oma im Jahr 1964. Es war wohl seine Oma von der Traude das Lämmle bekommen hat.
Er erinnerte sich auch, dass immer mal wieder Post mit der Anschrift "Zum goldenen Lamm in Steinheim" ins Haus kam. Also war das Lämmle doch vergoldet!

Das Gasthaus Lamm hat seit 1598 eine Herbergskonzession. Wie alt das Wirtshausschild ist, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen. Es gibt noch eine etwa 200 Jahre alte Chronik in Privatbesitz. Die Recherche und Restauration geht also weiter.



Dienstag, 3. April 2018

Württemberger Lederhose - Furchtlos und Treu

Rund um den Erdball herum kennt man sie: die Lederhos'n oder auch Krachlederne genannt. Man denkt dabei an Bayern und an Oktoberfeste. Und die Württemberger blickten mit etwas Neid auf die zünftigen Beinkleider der Bayern. 
Wir Württemberger haben jetzt unsere eigene Lederhos'n. Verziert mit dem alten Württemberger Wappen samt dem Wappenspruch der württembergischen Könige.







"Furchtlos und Treu"
Wappenspruch der württembergischen Könige






Donnerstag, 29. März 2018

Ulm - Kulturerbe Münsterbauhütte

Die Ulmer Münsterbauhütte gehört zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands. Nächstes Jahr soll die Nominierung zum internationalen Kulturerbe folgen.
"Seit Jahrhunderten bewahren Dom- und Münsterbauhütten, wie etwa in Ulm, Freiburg oder Köln, Handwerkstechniken, tradiertes Wissen und Bräuche in Zusammenhang mit dem Bau und Erhalt von Großkirchen und führen diese bis in die Gegenwart fort", begründete die Deutsche UNESCO-Kommission die Entscheidung.
Die Ulmer Bauhütte zeigt mit ihren hochspezialisierten ausgebildeten Handwerkern, der lückenlosen Dokumentation und engen Verbindung zur Stadtgesellschaft, wie immaterielles Kulturerbe in Deutschland modellhaft erhalten und weitergegeben werden kann.


Münsterbauhütte in Ulm - rechts das Münster 

Mein Vorfahre Ulrich von Ensingen (1352 - 1429) war Baumeister der süddeutschen Gotik. Ihm wurde 1392 die Bauleitung am bereits 1377 begonnenen Ulmer Münster übertragen.
Sein Vorhaben, den höchsten Kirchturm des christlichen Abendlandes zu errichten, sprengte alles bisher Gekannte. Die geniale Konzeption seines Turmes brachte ihm eine Berufung nach Straßburg (1399) ein, ohne jedoch die Bauleitung am Ulmer Münster aufzugeben.
Sein Sohn Matthäus und die Enkel Vincenz und  Moritz waren ebenfalls am Bau des Ulmer Münsters und an anderen Kirchen beteiligt. Sie arbeiteten in Bern, Basel, Konstanz, Straßburg und am Martinsmünster in Colmar.
Das Ulmer Münster ist die größte evangelische Kirche Deutschlands, der 1890 vollendete Turm mit 161,53 Metern ist der höchste Kirchturm der Welt.



Donnerstag, 8. März 2018

Oberstenfeld 1914 - Ende der Ära Kayser

Die Ära der aus Möckmühl stammenden Handelsleute Kayser in Oberstenfeld begann 1769 mit meinem 5-fachen Urgroßvater Johann Jacob Kayser und endete 1914 mit dem Tod seines Urenkels Karl Otto Kayser (*1844).
Karl Otto Kayser betrieb das Handelshaus Kayser in vierter Generation "außen im Dorf neben der Beilsteiner Landstraße, vornen auf die Creutz straßen stoßend". Das Haus wurde 1794 um 900 Gulden erworben. Die "Creutz straße" ist die heutige Lichtenberger Straße, zu der erworbenen Baulichkeit gehörte damals noch ein Kuhstall, ein Schweinestall und ein Waschhäusle dazu. Das sind die Vorgängerbauten der jetzigen Seniorenbegnungsstätte und Bücherei. Ein Hofplatz und ein Garten schlossen sich an.


Ortsbücherei und Seniorenbegegnungsstätte Oberstenfeld
war einst das Handelshaus Kayser auf die "Creutz straße" stoßend

Auch die nach dem Handelshausgründer folgenden Generationen hatten einen guten Ruf in Oberstenfeld. Johann Gottlieb Balthasar (1770 - 1816) wird mit erst 26 Jahren Ratsverwandter. Seine Ehefrau Johanna Friederike, Tochter des Ochsenwirts und Schultheißen Johann Friedrich Ziegler bringt Beträchtliches als Heiratsgut mit. So kann das junge Paar dringende Reparaturen an den Gebäuden durchführen lassen und das ganze Anwesen auf die Bedürfnisse eines Handelshauses umrüsten.
Von den sechs Kindern die Johanna Friederike zur Welt bringt, kommen drei ins Erwachsenenalter. Der Stammhalter trägt wieder die Leitnamen der Familie, er heißt Johann Gottlieb und ist am 4. April 1798 geboren, am Geburtstag des glücklichen Vaters. Doch der Vater kann sich nicht mehr allzulange am Familie, Haus und Erfolg freuen. 1816 stirbt er im Alter von 46 Jahren. Der Sohn, der das Geschäft übernehmen soll, ist erst 18 Jahre alt. 
Er bringt zum Glück schon einige Erfahrung im Beruf des Kaufmanns mit, als er nach dem Tod des Vaters so plötzlich in die Verantwortung gestellt wird. Mit Willen und Tatkraft zeigt er sich der großen Aufgabe gewachsen. Er heiratet die Beilsteiner Ochsenwirtstochter Luisa Friederike Cast. Bei der Hochzeit 1826 ist sie knapp 19 Jahre alt und auch sie bringt ein beträchtliches Heiratsgut ins Haus Kayser. Der Stammhalter heißt auch wieder Johann Gottlieb (*1827). Die Mutter stirbt überraschend am 12. Januar 1835 an Nervenfieber. Für den Vater ein schwerer Schlag, er kann sich lange nicht entschließen wieder zu heiraten.  Er stürzt sich in die Arbeit und wird 1839 zum Schultheißen ernannt. Acht Jahre nach dem Tod seiner Ehefrau heiratet Johann Gottlieb wieder, eine Müllerstochter aus Söhnstetten im Oberamt Heidenheim. Am 10. August 1844 wird Otto Karl geboren. Der Älteste aus der ersten Ehe scheint sich zuhause nicht mehr wohlzufühlen. Im Alter von 18 Jahren rückt er aus nach Amerika. Der Vater wartet vergeblich auf die Heimkehr des Sohnes. Johann Gottlieb junior, die Hoffnung für die Zukunft des Handelshauses wird er nicht mehr wiedersehen. Wenige Wochen später stirbt seine zweite Frau, er ist mit dem 1-jährigen Otto und der 14-jährigen Charlotte allein, doch das Geschäft geht unverändert weiter. Mit 22 Jahren wird die Tochter Diakonisse und verlässt das Elternhaus. Am 1. Februar 1866 stirbt Johann Gottlieb Kayser, der weit über das Bottwartal hinaus bekannt geworden ist. Sein Tod wird selbst im Stuttgarter Staatsanzeiger und im "Schwäbischen Merkur" bekanntgegeben. 
Nach dem Tod des Vaters melden sich die beiden Ältesten aus den USA wegen ihrem Erbe. Friederike Charlotte war mit dem evangelisch lutherischen Prediger Ludwig Ebert aus Minnesota verheiratet. Der Sohn lebte und arbeitete als Kunstmaler in New Jersey. Doch das Heimweh zieht ihn später wieder in die alte Heimat. Er wohnte bei seiner Tante Sophia Magdalena in Oberstenfeld, sie war zuvor als Herrnhuter Schwester in Kuba und Nordamerika. 

Karl Otto führte in vierter Generation ab 1866 das Handelshaus weiter. Auch er nimmt eine Gastwirtstochter zur Frau: Maria Luise Walz aus dem "Waldhorn" von Abstatt. Sie war eine gute Frau, die in Oberstenfeld viel Segen gestiftet hat. - Sie kam zehnmal ins Wochenbett, doch sind dem Ehepaar nur die Töchter Anna (1871-1942) und Clara (1873-1960) geblieben. Vom "alten Kayser" Otto sind über die Jahrzehnte manche Geschichten lebendig geblieben. Er traf sich regelmäßig mit seiner Männerrunde "Rauchclub Vesuv" im Gasthaus zum "Stern" neben dem "Ochsen". Otto Kayser hatte eine besonders schöne Tabakspfeife. Unterhalb des Mundstücks war das Bild seines stolzen Anwesens auf einen Porzellanring aufgemalt. Der Pfeifenkopf selbst zeigte Oberstenfeld mit Stiftskirche und Lichtenberg.
Im großen Salon in der Wohnung über den Geschäftsräumen trafen sich alljährlich an Weihnachten die Honoratioren des Dorfes, darunter die adeligen Damen aus dem Stift. Die beiden Töchter wachsen zu Damen heran, stets etwas distinguiert, mit Abstand. Einmal bemühte sich Kaufmann Pfannkuch um Clara. Der Name Pfannkuch wurde später durch seine große Ladenkette bekannt. Doch Vater Kayser widerstrebt es, seine Tochter einem Mann mit dem Namen Pfannkuch zu geben. Den Hinweis auf dessen Besitz tut er ab mit den Worten: "Was der an Vermögen hat, kann ich aus jedem Eck herauskratzen!" So werden aus den beiden Damen allmählich "alte Mädchen". - Mit Otto Karls Tod 1914, dem Tod seiner Frau im Jahre 1933 und dem Tod der Töchter geht die Geschichte einer Familie zu Ende, die für die Gemeinde Oberstenfeld und die gesamte Umgebung von Bedeutung war.


(aus dem Buch: Oberstenfeld in Geschichte und Geschichten Band I)





Oberstenfeld 1771 - Handelsmann Jacob Friderich Kayser

Im Jahr 1771 wird in bester Ortslage ein Haus feil. Jacob Friderich Kayser, gerade drei Jahre in Oberstenfeld, greift sofort zu und kauft "eine zwey stöckigte Behausung und Hofraithung, item einen gewölbten Keller unterm Hauß, samt zwey c. v. (cum venio = mit Verlaub) schweineställ mitten im Dorf, zwischen David Zieglers Hauß und der Entengassen, stoßt forne auf die Marcktstrasen". - Es ist das Haus an der Ecke der jetzigen Großbottwarer und der Raiffeisen Straße, nur drei Häuser von seinem Konkurrenten Kodweiß entfernt. Fast 200 Jahre war es "Handelshaus", heute steht dort das Gebäude der Volksbank Backnang.
Es wird mit allem gehandelt, was im Flecken gebraucht wird, vor allem mit Stoffen verschiedener Art: Barchent, Zeugle, Berliner Flanell, Golgas, gefärbte Bique, Crepp, Ziz, Cotton, halb Biber, Zwilch, Renforces, Allianz-Band und andere Stoffe. Auch verschiedenes Eisen: Zahn-, Hufstab-, Faßreif-, viereckiges Eisen. Die Firma ist also gut sortiert.


Herstellung von Zwilch oder Zwillich - ein dichtes und strapazierfähiges Gewebe

Der Vorfahre ist auch im Grundstückshandel aktiv. In den Kaufbüchern erscheint immer öfter sein Name, wenn Gebäude, Äcker, Weinberge und Wiesen ihren Besitzer wechseln und er zugreifen kann.
Er wird reich und selbstsicher. Man sieht es seiner schwungvollen Handschrift an, die er unter die Kaufverträge setzt. Da sticht oft der ungelenke Namenszug des Verkäufers daneben ab oder die drei Kreuzchen, dabei der Vermerk "weil er des Schreibens ohnerfahren". Ja, er bringt es zu Reichtum und  auch damit zu Ansehen.
Als 22-jähriger sitzt er bereits im Gericht und Gemeinderat. Der Protokollführer und auch der Pfarrer setzen in den Kirchenbüchern seinem Namen von jetzt an immer das "HE." voran: "Herr"! Er wird 1771 mit 12 zu 15 Stimmen zum "Zweiten Burgermeister" gewählt, der für alle Baumaßnahmen im Dorf verantwortlich ist. Jahre später werden ihm die Gemeindefinanzen anvertraut und er trägt den Titel "Erster oder Oberburgermeister".
Auch die Kirchengemeinde, aufs engste mit der bürgerlichen Gemeinde verbunden, braucht den erfahrenen, gewandten Kayser. Schon seit 1644 gibt es den "Kirchenkonvent" als Instrument zur Überwachung von Zucht und Sitte in den Gemeinden. Dem Gremium gehören Pfarrer, Schultheiß, Kirchenpfleger und zwei Gemeinderäte an. Bei einer Nachwahl 1780 für den Kirchenkonvent in Oberstenfeld fällt die Entscheidung einmütig für "HE. Johann Friedrich Kayser, des Gerichts, Burgermeister und Handelsmann allhier, welchem solches eröffnet und von im ohne Bedenken gerne angenommen worden".

Seiner Ehefrau Rosina Magdalena bleibt nicht viel Zeit sich im Ruhme ihres Mannes zu sonnen. Von 1770 bis 1790 kommt sie nicht aus dem Windelwaschen heraus: neun Geburten, verteilt auf 20 Jahre. Doch nur vier der Kinder kommen ins Erwachsenenalter. Ihr arbeitsreicher Alltag und ihre Sorge um Haus und Familie sind des Erinnerns wert.

Im Januar 1810 stirbt Jacob Friderich Kayser mit 62 Jahren. Seine Witwe behält eine Hälfte des Hauses, der übrige Besitz wird aufgeteilt und verlost. Die andere Hälfte des Geschäftshauses fällt an  den jüngsten Sohn Philipp, damals noch "der Handlung beflissen", also Lehrling. Er führt das Geschäft weiter. Der zweitjüngste Sohn Johann Carl erwirbt das Gasthaus zum Stern (heute Metzgerei "Ochsen"). Er stirbt 38-jährig kinderlos.

Die 1783 geborene Tochter Christine Magdalene ist meine Vorfahrin, sie heiratete 1805 den Oberstenfelder Johann David Ziegler (*1776), Sohn des Schultheißen Leonhard Balthasar Ziegler.


(aus dem Buch: Oberstenfeld in Geschichte und Geschichten Band I)



Dienstag, 6. März 2018

Playmobil-Lebküchner oder was von Weihnachten bleibt

Weihnachten ist längst vorbei, die Lichterketten eingemottet, Lebkuchen und Schokolade sind vernichtet, doch mein Lebküchner der Marke Playmobil aus Nürnberg bleibt.
Vor wenigen Monaten fand ich heraus, dass meine Vorfahren Johann Jacob Kayser und Johann Gottlieb Kayser aus Möckmühl den Beruf des Lebküchners ausübten. Kurz darauf flatterte ein Flyer der Firma Lebkuchen-Schmidt aus Nürnberg ins Haus. Zum 90-jährigen Firmenjubiläum gab es beim Kauf der Lebkuchen-Familienpackung einen Lebküchner von Playmobil gratis dazu. Eine Sonder-Edition die nicht im Handel zu erwerben ist.



Eigentlich bin ich ja aus dem Playmobil-Alter längst heraus, aber das Angebot aus Nürnberg war verlockend. Der Lebküchner wurde bei eBay bereits zu weitaus höheren Preisen angeboten als die Lebkuchen PLUS Lebküchner bei Lebkuchen-Schmidt kosten. Irgendwie lustig und unlogisch ....
Das Familienpaket mit dem Lebküchner wurde bestellt, geht ja heutzutage schneller als schnell. Per Knopfdruck, ohne Zustellkosten und Bezahlung per Kreditkarte. Verführung pur: vom Sofa aus bestellt und die Lieferung direkt auf den Tisch des Hauses bzw. an die Haustüre.
Die Vorfreude auf die Weihnachtszeit mit feinen Nürnberger Lebkuchen war groß und wir konnten dem Duft des Weihnachtsgebäcks kaum widerstehen. Drei x täglich Lebkuchen plus Milchkaffee, in Nullkommanix war die Kiste leergefuttert, wobei das Hexenhäuschen mit den Schoko-Lebkuchen verschenkt wurde.
Seit der Lebkuchen-Bestellung landen wöchentlich Werbemails von Lebkuchen-Schmidt in der Email-Box. Alles lecker, ganz easy (siehe oben) zu kaufen. Das beste Mittel um Winterspeck anzusetzen, aber das Frühjahr kommt mit Riesenschritten und die angefutterten Pfunde lassen sich nicht mehr so leicht überdecken. Die Mails von Lebkuchen-Schmidt also löschen, löschen, löschen!

Das Weihnachtslied "Alle Jahre wieder" spiele ich "alle Jahre wieder" auf meiner Blockflöte aus der Schulzeit und so halte ich es jetzt auch mit Lebkuchen-Schmidt. "Alle Jahre wieder" bestelle ich Lebkuchen in Nürnberg und lösche bis zum kommenden November die verführerischen Mails aus Nürnberg!!!


Sonntag, 21. Januar 2018

Reinhold Würth und die Schutzmantelmadonna

Genau einen Tag nach dem letzten Post traf ich wieder auf die Schutzmantelmadonna von Hans Holbein dem Jüngeren. In einem Kiosk traf mein Blick den FOCUS mit der Titelstory "25 Jahre Focus" und dem Titelbild von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier samt einem groß aufgedruckten sensationellen und ins Auge springenden Preis von 1 Euro.
Im Jubiläums-FOCUS ist unter der Rubrik Kultur ein Interview mit Reinhold Würth: "Was ist es für ein Glück, die Schutzmantelmadonna zu besitzen, Herr Würth?" als Auftakt zu der neuen Serie "Deutschland, deine Kunstsammler".
Reinhold Würth (82) machte den 2-Mann-Betrieb seines Vaters zum Weltmarktführer. Die Kunstsammlung des Unternehmens zählt mit mehr als 17 000 Werken zu den größten Privatsammlungen Europas. Untergebracht ist sie in den 14 Museen des Unternehmers: dem Museum Würth in Künzelsau, der Kunsthalle Würth und der Johanniterkirche in Schwäbisch Hall und den Museen in der Schweiz, Spanien, Dänemark, Österreich, Frankreich, Norwegen, Italien und den Niederlanden. Für mich ist die Kunsthalle Würth und das Museum Würth mit den Wechselausstellungen seit vielen Jahren ein wichtiger Ort. Fast vor der Haustüre gibt es wertvolle alte, moderne und abwechslungsreiche Kunst, die sonst nur in Metropolen zu sehen ist. Bildungstechnisch sind die Museen für Kinder und Jugendliche hervorragend. Und ich werde den Tag nicht vergessen, wo meine Tochter fasziniert und ganz nah vor einem Gemälde von Claude Monet stand. - Würth macht's möglich und der Eintritt ist frei.

Aus dem jahrelangen Ringen um den Erwerb der Himmelskönigin ging Milliardär Würth als Sieger hervor, über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, Kenner der Kunstszene schätzen 50.000.000 Euro plus X. Dabei ist zu bedenken, dass die Madonna auf der nationalen Liste der zu schützenden Kulturgüter steht, das heißt: mit Ausfuhrverbot belegt ist - und also dem internationalen Markt entzogen ist, auf dem dieses Schlüsselwerk der nordischen Renaissance einen wesentlichen höheren Preis erzielt hätte. Also ein Schnäppchen für den Kunstsammler aus Hohenlohe.


Schutzmantelmadonna in der Johanniterkirche
Meisterwerk von Hans Holbein dem Jüngeren,
der zwischen 1526 und 1528 neben der Jungfrau mit dem Kind
die Familie des Basler Bürgermeisters Jakob Meyer "zum Hasen"
dargestellt hat
146,5 cm x 102 cm

FOCUS: "Bitte beschreiben Sie das Glück, die Schutzmantelmadonna zu besitzen:"
Reinhold Würth: "Glück ist relativ. Was die Schutzmantelmadonna angeht: Da bin ich nicht sentimental. Mich beeindruckt mehr die Geschichte des Werkes. Holbein malte es, als in Basel die Reformation einzog, er keine Aufträge mehr bekam und fliehen musste. Zum Glück nahm er das Gemälde mit."

Wie schon im vorigen Beitrag erwähnt, hat mein Vorfahre Michel Erhart an der Ulmer Schule mit Hans Holbein dem Älteren zusammengearbeitet. Die beiden Familien lebten zeitweilig in Ulm. In Schwäbisch Hall treffen 500 Jahre später Holbein und Erhart wieder aufeinander. Von der Johanniterkirche aus gelangt man in wenigen Minuten zur Evangelischen Kirche St.Michael, die durch die Freilichtspiele auf der großen Treppe weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Dort über dem Altar ist das 1494 von Michel Erhart geschaffene Chorkruzifix, ein Hauptwerk der schwäbischen Gotik.




Montag, 15. Januar 2018

Madonnen & The Limewood Sculptors of Renaissance Germany

Ganz unverhofft findet man Irgendwo immer mal wieder etwas über seine Vorfahren. Das "Irgendwo" ist dieses Mal das Buch "Die Lindenholzskulpturen der Deutschen Renaissance" aus der Druckerei der Yale University. In diesem Buch ist die Rede von meinen Vorfahren, dem Münsterbauer und Steinmetz Vinzenz Ensinger, seinem Schwiegersohn, dem Bildhauer Michel Erhart, dessen Schwiegersohn Adolf Daur (Daucher) und Enkel Hans Daur. Selbst bei Pinterest ist eine große Sammlung mit Kunstwerken von Michel Erhart.


Gregor Erhart, Michel Erharts Sohn, Bildhauer in Augsburg, erhielt 1496 in Augsburg das Meisterrecht, 1509 wurde er Bildhauer des Kaisers und fertigte für Kaiser Maximilian I. ein Reiterstandbild an. Sein Werk Maria-Magdalena, ein Glanzstück deutscher Schnitzkunst, befindet sich im Louvre in Paris, die Franzosen nennen sie bewundernd "La Belle Allemande", die Schöne Deutsche.
Das Buch enthält auch einen kleinen Stammbaum über die verwandtschaftliche Beziehung der Erharts zu den berühmten Holbein Malern. 
Gregor Erhart heiratete 1496 die Augsburgerin Anna Mair. Annas Tante war mit dem Augsburger Gerber Michael Holbein verheiratet, sie sind die Eltern von Hans Holbein dem Älteren. Er arbeitete 1493 in Ulm mit meinem Vorfahren Michel Erhart zusammen und übte einen Einfluss auf die Ulmer Schule aus. Sein Sohn Hans (der Jüngere) zählt zu den bedeutendsten Renaissance-Malern. Der Jüngere schuf in Basel seine beiden berühmten Madonnenbilder:"Die Madonna des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen", auch Darmstädter Madonna genannt, ist Teil der Sammlung Würth in der Schwäbisch Haller Johanniterkirche, seine Solothurner Madonna ist im Kunstmuseum Solothurn in der Schweiz.





Samstag, 13. Januar 2018

Head of a young man - Victoria & Albert Museum London

Michel Erhart war im späten fünfzehnten Jahrhundert der bekannteste und meistbeschäftigte Ulmer Bildhauer. Er kam nach seinen Wanderjahren, die ihn unter anderem nach Konstanz, aber auch bis in die Niederlande führten, ab etwa 1469 in die freie Reichsstadt Ulm, in der sein Wirken von 1469 bis 1522 nachgewiesen ist.
Eines seiner erhaltenen Werke ist der 13,5 cm hohe Kopf eines jungen Mannes aus Lindenholz geschnitzt. Diese Skulptur ist heute im Victoria & Albert Museum in London.

Erhart probably made this head for a goldsmith, who would have used wooden models to design statuettes of precious metal. The present appearance as a bust is a later modification to appeal to collectors. This reflects the process by which models came to be valued as finished works in their own right.

He was probably trained in the Netherlands and the Upper Rhine and appears in the tax-rolls in Ulm in 1469, and became the leading sculptor there until his death in 1522. Most of his major works, for instance, the monochrome wood statues on the high altar of the Ulm Minster of about 1474-81, or the monumental stone figures for the Mount of Olives in front of
the Minster do not survive. The busts of the choir-stalls in the Minster (about 1470), the Blaubeuren altarpiece (1493-94), and several small-scale sculptures do however give a clear picture of his contribution to the development of Late Gothic Sculpture in Ulm - (Source: V&A Collections).

Michel Erhart ist mein 16-facher Urgroßvater väterlicherseits. Er gehörte der Ulmer Schule an, einer Künstlergruppe der Spätgotik, die in dieser Zeit ihre Werkstätten in Ulm hatten. Zur Ulmer Schule gehörten außer den Bildhauern auch Maler, Architekten und Steinmetzmeister.