"Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft." - Wilhelm von Humboldt

Montag, 13. Mai 2019

1866 - Steinheim, Ohio und wieder zurück - 2019

Im Jahr 1866 machte sich der 18-jährige Küfer Gottlieb Krautter aus Steinheim auf den Weg nach Nordamerika. Wie schon viele Steinheimer zuvor suchte er sein Glück in der Neuen Welt. Ein Teil der Auswanderer hielt schriftlichen Kontakt zu den Eltern und Geschwistern in der Heimat. Von anderen Auswanderern hat man nie wieder etwas gehört.
Und in dieser Woche, einhundertdreiundfünfzig Jahre nach Gottliebs Auswanderung, begibt sich seine Urenkelin von Ohio aus auf die Spuren ihrer Vorfahren nach Steinheim.
Seit 10 Jahren beschäftigt sie sich mit ihren Ahnen und suchte immer wieder nach Verwandtschaft, aber bisher leider ohne Ergebnis. Wenige Tage vor dem Abflug nach Deutschland kam der "Durchbruch" ganz unerwartet, denn alles sprach dafür, dass es mit der von ihr ausgekundschafteten Steinheimer Familie doch keine verwandtschaftlichen Beziehungen geben soll.
Da ich meinen Online-Stammbaum mit allem was so passt "füttere", also nicht nur mit meinen Vorfahren, war ich der Rettungsanker. Anhand von Familienregistern und der Hilfe meiner Mutter, die sich noch an die alten Familien in Steinheim erinnern kann, landete ich den Volltreffer. Einen? Nein, denn nicht nur die ausgekundschaftete Familie ist mir ihr verwandt, ich habe noch eine Familie gefunden, die von Wilhelm, dem Zwillingsbruder des Auswanderers abstammt.
Um so größer ist die Freude von Gottliebs Urenkelin. Sie reist nach Steinheim um den Ort zu besuchen wo Gottlieb seine Jugend zugebracht hat und jetzt werden ihre Erwartungen mehr als übertroffen. Zwei Steinheimer Familien bereiten sich auf ihren Besuch vor.
Bevor sie eintrifft, gehe ich noch in die Staatsarchive nach Ludwigsburg und Stuttgart um die Dokumente der Auswanderungen zu kopieren. Sie hat noch einen weiteren Auswanderer aus Rielingshausen im Stammbaum, der bereits 1832 mit seiner Familie und einem stattlichen Vermögen von 1.700 Gulden ausgewandert ist.


Gottlieb hat das Küferhandwerk gelernt und reiste 1866 mit einem Vermögen von 200 Gulden nach Hamburg. Er steht auf der Passagierliste des Schiffes Alemannia, mit dem er am 21. Juli 1866 in New York ankam.
Seine erste Ehefrau Mary Ann stammt ebenfalls aus Steinheim, ihr Großvater Johann Gottfried Baad wanderte mit seiner zweiten Ehefrau und seinen fünf Kindern aus der ersten Ehe 1846 aus, die Familie ließ sich in Coshocton County, Ohio nieder. Für einen Totengräber hatte er ein erstaunlich großes Vermögen von 6.700 Gulden, ein sehr guter Start für den Aufbau einer neuen Existenz in der Neuen Welt.

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Montag, 15. April 2019

Wegen Trunksucht des Pfarrers - Kirchenbücher unvollständig & vernichtet

Im Jahr 1435 wies der Konstanzer Bischof Friedrich III. von Zollern an, dass Kirchenbücher zu führen seien. Allerdings hielt sich kaum eine Kirche an diese Anweisung. 
Der am 11. November 1563 beim Konzil in Trient verordnete Erlass ordnete an, dass von nun an Eheregister und im diesem Zusammenhang auch Taufbücher geführt werden müssen. 1614 im „Rituale Romanum“ wurden erste Schritte zur Führung von Sterbebüchern festgelegt, allerdings ohne verpflichtenden Charakter für die Kirchen.
In den Gebieten wo die Reformation (zwischen 1517 und 1648) zur Spaltung der Kirchen führte, wurden seit Beginn Kirchenbücher geführt. In den anderen Gebieten dauerte es zum Teil noch etwa 50 Jahre bis jede Kirche Tauf-, Trau- und Sterbebücher führte. Leider gingen jedoch viele der bis dahin geführten Bücher während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) verloren,  sodass es in einer Vielzahl von Kirchen erst ab Ende des Krieges kontinuierliche Aufzeichnungen gibt.
Die Franzosen brannten 1693 die Stadt Marbach nieder, dabei gingen alle Kirchenbücher verloren. Auch im benachbarten Murr fielen in diesem Sommer die Kirchenbücher in die Hände der Franzosen, während in Pleidelsheim, wo die Franzosen lagerten, die Kirchenbücher unversehrt blieben. In Pleidelsheim beginnt das Kirchenbuch im Jahre 1581 zur Freude der Ahnenforscher. 
Auch in Steinheim gelangten 1693 die Bücher in die Hände der Franzosen, die sie zerrissen und auf einen Misthaufen warfen. Der Pfarrer war mit seiner Familie Richtung Schwäbisch Hall geflüchtet, ein zurückgebliebener Bürger hat das Buch wieder zusammengesetzt. Das Kirchenbuch hat gelitten, einige Seiten sind kaum lesbar und es ist vermerkt: 'Dem Leser oder denen, so hieran gelegen dienet zur Nachricht, daß aus diesem Ehebuch 6 Blätter durch die Franzosen sind ausgerissen, und verloren worden. Gleichwohl aber aus dem Proclamationsbüchlein , so noch in meinem s.h. Schweinestall gefunden worden, so viel finden können daß proclamiert und folglich copuliert sind worden.' - Bereits1634 zogen feindliche Truppen durch Steinheim und legten Feuer in der Kirche, die bis dahin geführten Bücher sind dem Brand zum Opfer gefallen.
Der Geburtstag von Katharina Rait aus Poppenweiler konnte nur in etwa ermittelt werden, im Sterbebuch wurde an ihrem Todestag 28. August 1717 vermerkt: '72 Jahre weniger 4 Wochen', weil die Geburtsjahre 1642 1646 im Mischbuch der damals zuständigen Pfarrei Oßweil fehlen. 
Und der Todeseintrag meiner Vorfahrin Margarethe Seitz (*1608) wurde überhaupt nicht vorgenommen, denn 'Ehe- und Totenbuch Asperg wurden von 1646-60 wegen Trunksucht des Pfarrers nicht geführt'.


Asperg anno 1682
aus dem Forstlagerbuch von Andreas Kieser


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Großbottwar - Herzog Carl Eugen und die Bäckerei Weigle

Es schlug fast wie eine Bombe ein, als zu Jahresbeginn die Schließung der Bäckerei Weigle in Großbottwar angekündigt wurde. Der Familienbetrieb ließ nach mehr als 300 Jahren den Backofen ausgehen. Auf der Webseite der Weigles stand "seit 1715 Ihr Bäcker Weigle".
Familie Weigle ließ die Besucher ihrer Webseite einen Blick in die Familienchronik werfen. Der schwäbische Sonnenkönig, Tyrann, Verschwender und Modernisierer Herzog Carl Eugen (1728 - 1793) war Kunde in der Bäckerei Weigle wenn er auf die Jagd zum Sternwald (heute: Kälbling) ging.
So ist überliefert, dass Johann Carl Weigle am 5. Dezember 1752 um 6 Uhr morgens vor der Treibjagd im "Schäferhölzle" zwei Dutzend Äpfel-, Speck- und dicke Salzkuchen den hohen Herrschaften liefern musste.


Großbottwar anno 1686
aus dem Forstlagerbuch von Andreas Kieser

Der "Beck" Johann Georg Weigle (1741 - 1793), Enkel des Firmengründers Jacob Weigle, heiratete im Jahr 1763 die ebenfalls aus Großbottwar stammende Anna Maria Laitenberger (1742 - 1812).
Anna Marias Eltern, Johann Jacob Laitenberger und Margarethe Acker, sind meine 6-fachen Urgroßeltern. Johann Jacob war in jungen Jahren Grenadier im württembergischen Leib-Grenadier-Bataillon, später Weingärtner und Viertelsmeister in Großbottwar.
Viertelsmeister waren Helfer der Exekutive und Judikative. Es waren angesehene, gewählte Persönlichkeiten, die über lokale Orts- und Bürgerkenntnisse verfügten, um in Stadt- oder Landvierteln Aufgaben wie die Unterstützung bei Wahlen oder polizeiliche Aufgaben übernahmen.


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Herrschaftlicher Weingärtner auf Wildeck


Burg Wildeck anno 1686
aus dem Forstlagerbuch Andreas Kieser

Burg Wildeck ist eine Spornburg oberhalb von Abstatt am Rande der Löwensteiner Berge. Die Burg wurde vermutlich im hohen Mittelalter von den Herren von Heinriet erbaut und kam 1492 an Ludwig, Stammvater der dritten Linie der Grafen von Löwenstein, die dort nachweislich schon im 16.Jahrhundert Weinbau betrieben haben. 1933 kam die Burg mit den umgebenden Weinbergen an den württembergischen Staat. Seit 1940 befindet sich in der vielfach umgebauten Burg ein Versuchsgut der Weinbauschule in Weinsberg, die dort die Sorten Samtrot und Dornfelder züchtet.

Obwohl ich nur 15 Kilometer von der Burg entfernt wohne, kenne ich sie nur aus der Ferne. Ich fahre westlich und östlich an der Burg vorbei, doch gestern machte ich mich auf den Weg über Beilstein und weiter über die kleinen Landstraßen nach Söhlbach und Helfenberg an den Fuß der Burg. Zwischen Weinbergen machte ich mich auf dem Privatweg zu Fuß auf zur Burg. Herrliche Blicke gehen über die Weinberge und Felder bis zur Burgruine Helfenberg und zu den bewaldeten Löwensteiner Bergen. Man meint, in eine längst vergessene Welt einzutauchen, aber der Blick nach Westen bringt einen in die Realität zurück, denn dort entstand das große Firmengelände Robert Bosch GmbH Chassis Systems Control und Bosch Engineering GmbH: High Tech und das hohe Mittelalter dicht beisammen.

Einst war mein 7-facher Urgroßvater Georg Feik, geboren um 1690, herrschaftlicher Weingärtner zu Wildeck. So wurde es im Ehebuch von Abstatt eingetragen als seine Tochter Catharina 1741 den Witwer und Gerichtsverwandten Johannes Rörich geheiratet hat. – Die Herkunft der Familie Feik ist unklar, da die Einträge in den Kirchenbüchern nicht genau entziffert werden können. Möglicherweise stammt sie aus Sulzbach bei Murrhardt, naheliegend ist aber auch das Dorf Sülzbach in der Nähe von Wildeck. Fest steht aber, dass er auf Burg Wildeck als Weingärtner gearbeitet hat.




Noch ist es kalt, aber an den Reben sprießen bereits die ersten Knospen und noch ist es ein langer Weg bis die diesjährige Weinernte in Flaschen abgefüllt ist. Aber ich mache mich jetzt auf die Suche nach einer Flasche Wein aus den Weinbergen von Burg Wildeck wo vor 300 Jahren mein Vorfahre Georg Feik in den Weinbergen gearbeitet hat.


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Sonntag, 7. April 2019

Russland - Ostern 1942

Das Osterfest fiel 1942 auf den 5. und 6. April. Vor zwei Tagen, genau 77 Jahre nach dem Ostersonntag 1942, erhielt ich ein Original-Tagebuch eines unbekannten deutschen Soldaten.

5. April 1942
Der Feind hat uns über Ostern reichlich Ostereier in Form von Fliegerbomben übermittelt. Seit zwei Wochen geht jeder mit Decken und Gewehr in den Wald um in Bunkern zu übernachten.
6. April 1942
Bunkerbau für die Auswertung im Wald von Korkino.

Das Tagebuch beginnt am 1. Oktober 1940 in Lisieux, Nordfrankreich mit dem Eintrag: vormittags Arbeitsdienst, nachmittags Fahrt nach Lisieux. – Die Zeit in Frankreich liest sich nach der Eroberung ganz "gechillt": Übung, Arbeitsdienst, Unterricht, Fußdienst, Auswertungsunterricht, Singen, Sport, Theaterbesuch, Sport, dienstfrei - Fahrt nach L'Aigle, Geländedienst, Weihnachtsfeier, gemeinsames Kaffeetrinken, Fahrt nach L'Aigle zum Kino, Silvesterfeier, schießen, Waffen reinigen, Kirchgang. Ab 24. Januar 1941 gab es 3 Wochen Heimaturlaub.
Wenige Tage nach seiner Rückkehr wurden am 27. Februar 1941 die Fahrzeuge verladen und die Fahrt ging über Belgien, Holland, Deutschland, durch Polen über Vilnius nach Witebsk (Belarus).
In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli erfolgte ein Fliegerangriff: 4 Wagen und 3 andere Fahrzeuge von unserer Abteilung beschädigt, von meinem Wagen die Windschutzscheibe zersplittert. Ich saß noch im Führerhaus, zum Glück niemand verletzt, dauernd auf Umwegen gefahren. Der Fliegerangriff erfolgte etwa 10 km von Witebsk.

In seinem Tagebuch bewahrte der 'unbekannte Soldat' einen Zeitungsausschnitt mit dem international bekannten Soldatenlied 'Lili Marleen', auf. 


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Freitag, 1. März 2019

Jugenderinnerungen meines Vaters

Jugenderinnerungen meines Vaters (*1932), zweieinhalb DIN A4 Seiten mit Schreibmaschine geschrieben, sind 15 Jahre nach seinem Tod "aufgetaucht". Er hat oft aus seiner Jugendzeit und der Kriegszeit erzählt und trotzdem waren einige Neuigkeiten zu lesen.


anno 1941 - mein Vater (rechts) mit seinen jüngeren Geschwistern

"Was war Ihr Mann für ein Mensch?" fragte der Pfarrer meine Mutter anläßlich der bevorstehenden Beerdigung. Bevor sie tief Luft holen konnte und in einen Monolog verfallen würde, gab ich die Antwort: "Es kommt darauf an wen Sie fragen, aber dieser Satz von Antoine de Saint-Exupéry aus Der kleine Prinz ist wie für ihn gemacht: Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast."
So wurde er schon als Bub erzogen, er hat zeitlebens Verantwortung für seine Familie und für die Großfamilie übernommen, oftmals bis ans Ende seiner Kräfte. Auch er hat die Tugend 'Verantwortung' an seine Kinder weitergegeben.
Das Leben dieser Generation wurde vom 2. Weltkrieg geprägt, auch wenn sie nicht Haus und Hof verloren hat oder gar fliehen musste. Die Kinder wurden, weil die Väter in den Krieg mussten, schon zeitig zur schweren Arbeit auf dem Feld herangezogen, kümmerten sich um die jüngeren Geschwister und waren Hilfe für die Großeltern. Schule war Nebensache und an Berufswünsche war gar nicht zu denken.

Schon mein Vater half anderen Menschen, so sah ich das bereits als Kind und es wurde mir durch mein Vorbild auch zur Selbstverständlichkeit, immer wenn nötig und möglich zu helfen. Es kam die Kriegszeit wo viele Männer im Feld waren und wir als Kinder schon zur Arbeit herangezogen wurden. 1943 wurde auch mein Vater eingezogen und er sagte beim Abschied zu mir: du hast schon einiges gelernt und nun musst du sehen, dass du die Mutter, den Großvater und die Großmutter unterstützt damit ihr immer Essen habt und  ich hatte noch 4 Geschwister.
Als der Vater weg war begann für mich eine harte Zeit. Die Mithilfe war damals wichtig, bei den Nachbarn musste ich Fässer putzen und dafür in die Fässer kriechen. Wir hatten eine neue Sämaschine und ich musste damit vielen Leuten im Dorf beim säen helfen. Ich steuerte die Maschine, da ich aber noch klein war konnte ich noch nicht einmal über die Maschine schauen, sondern musste an der Maschine vorbeischauen. Auch bei vielen älteren Menschen war meine Hilfe gefragt. Erst spät abends konnte ich meine Schulaufgaben machen, sofern ich nicht dabei einschlief, oftmals gab es Fliegeralarm. Die schulischen Leistungen litten darunter sehr. Im Vordergrund stand eben das Wohl der Familie und der Nächsten, so wie bis heute.
Wenn wir in den Luftschutzkeller gingen, verließen mein Großvater und ich, mit meinem jüngsten Bruder an der Hand, das Haus als Letzte. Ich stand immer mit in der Verantwortung. Mehrmals schlugen Brandbomben neben uns ein oder ein angeschossenes Flugzeug flog brennend über uns hinweg. Das Kriegsende nahte, die Ängste waren groß, Brücken wurden gesprengt. Ich half Nachbarn beim eindecken des Daches, wir waren auf dem First, als die Artillerie über unsere Köpfe hinweg schoss, wir verließen schnell das Dach, als es kurze Zeit später ruhig war, ging es wieder an die Arbeit.
Die Schulzeit ging bald zu Ende. Mein Vater kam aus russischer Gefangenschaft nach Hause, in einem körperlich sehr schlechten Zustand. Das war für mich und die ganze Familie nochmals eine harte Zeit, aber er war da, mit Rat und Hilfe!
Die Nachkriegszeit mit ihren Folgen ließ mir keine große Berufswahl, da ich ja die Oberschule verlassen hatte und wieder auf die Volksschule ging. Nach dem Rat des Großvaters lernte ich wie er, das Stuhlschreinerhandwerk. Ein 10-Stunden-Tag war nicht selten, nach Feierabend in der Schreinerei ging es mit der elterlichen Landwirtschaft weiter. Zwischen 20 und 22 Uhr, je nach Jahreszeit, war endlich Feierabend und das 6 Tage in der Woche, sonntags erledigten Vater und Mutter die Stallarbeit.
Eine neue Zeit begann mit meiner Verheiratung, ich stand wiederum in der Verantwortung des angeheirateten Familien-Clans, der stark unter den Folgen des Krieges gelitten hat. Alle behördlichen und geschäftlichen Angelegenheiten musste ich abwickeln, dies war oft langwierig und nervenaufreibend, ganz abgesehen von den gesundheitlichen Problemen in dieser Familie. Auch die Landwirtschaft der Schwiegermutter forderte nach der täglichen Akkordarbeit meine ganze Kraft.
Sehr viel Kraft kostete mich auch meine spätere Tätigkeit als Vorstand einer Weingärtnergenossenschaft, aber diese Tätigkeit war eine Bereicherung für mein Leben. Es gab mir Einblick in eine ganz andere Welt und 'Wein gibt ja Freude und Frohsinn.'

Trotz der schweren Kindheit und der Verantwortung die ein Leben lang auf ihm lastete, war mein Vater ein unterhaltsamer und humorvoller Mensch, von dem ich viel gelernt habe. - Ich bin kein Friedhofsgänger, vor dem Urnengrab in dem sich seine Asche befindet, 'finde' ich meinen Vater nicht. Er lebt  für uns aber durch viele Erinnerungen weiter, auch durch seine Gedichte und Witze, über die wir heute noch schmunzeln. Wir reden oft über ihn und das zählt für mich weitaus mehr als vor einem Urnengrab zu stehen.


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Sonntag, 3. Februar 2019

BUGA 2019 - Heilbronn - 75 Jahre nach dem Bombenangriff

Kamen wir auf die Stadt Heilbronn zu sprechen, war bei unseren Großeltern, Eltern und meiner Schwiegermutter sofort der verheerende Bombenangriff auf die Stadt im Unterland präsent.
Am 4. Dezember 1944 warf die britische Royal Air Force 1.200.000 Kilogramm Bombenmaterial über Heilbronn ab: laut der britischen Bomber Command of Summary Operations waren das 246.055 Spreng-, Leucht-, Blitzlicht-, Stabbrand-, Markierungs- und Mehrzwecksprengbomben.
Von den 14.000 Häusern der Stadt waren über 5.000 total zerstört.


die Innenstadt nach dem verheerenden Bombenangriff, links der Turm der Kiliankirche

"Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen", sagte einst Winston Churchill. Das Zurückschauen auf den 4. Dezember 1944 in Heilbronn hat viele Dimensionen und eine Gewissheit: Dieser Tag war das Nine-eleven der Stadt, er war ihre Auslöschen, es gibt kein vergleichbares Ereignis in ihrer Geschichte, das ihm an historischer Wucht und Bedeutung gleichkommt, nicht einmal die Pest von 1626, als Heilbronn etwa genauso viele Einwohner hatte, wie am 4. Dezember starben.
Meine Familie lebte 25 Kilometer südlich der Stadt und alle erinnerten sich an den in der Nacht taghell erleuchteten Himmel und an das Rot über der brennenden Stadt. Ein Augenzeuge aus meinem Dorf, damals 17 Jahre alt, war in dieser Nacht bei Verwandten am Heilbronner Südbahnhof zu Besuch. Mit Tränen in den Augen erzählte er mir vom Morgen danach als sie in die Innenstadt gingen. Entsetzliche Bilder die er nie vergessen konnte: Geruch von verbranntem Menschenfleisch, verbrannte Leichen am Straßenrand liegend, aber auch 'haufenweise' übereinander,  die nur noch etwa 40 bis 50 Zentimeter groß waren. - Das Haus für Stadtgeschichte zeigt einen Film über diesen verheerenden Bombenangriff auf die Stadt die damals als eine der schönsten Städte in Deutschland galt.
Die Narben sind heute noch in der Innenstadt sichtbar. Straßen mit einzelnen historischen Häusern die den Bombenangriff überlebten oder wieder aufgebaut werden konnten, wechseln sich mit nach dem Krieg erstellten Zweckbauten ab.
Erst seit einigen Jahren hat man den Eindruck, dass der wahre Wiederaufbau von Heilbronn erst jetzt stattfindet und das meiste zuvor nur eine Notlösung war.

Zu einem modernen Heilbronn trägt auch die Bundesgartenschau bei, die am 17. April 2019 von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet wird: 173 Tage Garten, Blumen, viel Natur entlang des alten Neckars und zeitgenössische Kunst - ein Wandel von einer Industriebrache  zum Landschaftspark und neuen Stadtquartier Neckarbogen. Die Sammlung Würth präsentiert sich mit internationalen Künstlern wie Niki de Saint-Phalle und Heinrich Brummack.


Zwerg Karl aus dem 3D-Drucker wirbt vor dem Heilbronner Rathaus für die BUGA



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