"Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft." - Wilhelm von Humboldt

Samstag, 16. Juli 2016

Steinheim - ortsfremde Bedienstete von 1730 - 1807

In dem Buch Ortsfremde in Kirchenbüchern aus Baden-Württemberg - Steinheim/Murr gibt es eine Liste über ortsfremde Bedienstete. Bedienstete im Haushalt, bei Handwerkern und Bauern. Berufe und Tätigkeiten die wir heute oftmals nicht mehr kennen:

Barbiergesell, Barbierjunge, Bauernknecht, Beckenknecht, Bildwebergesell, Dienstmädle, Dienstmagd, Eseltreiber, Färbergesell, Gerbergesell, Glasergesell, Hafnergesell, Haushälterin, Hirtenbub, Incipient, Kindsmagd, Kindsmägdlein, Klosterknecht, Klosterweingärtner, Köchin, Küferjunge, Küferknecht, Kuhhirt, Ladendiener, Magd, Mahlknecht, Maurergesell, Metzgergesell, Metzgerjunge, Mühlbauer, Nagelgesell, Nagelschmiedgesell, Nähmädle, Oberknecht, Provisor, Sartor, Säubub, Schäfer, Schafjunge, Schäferknecht, Schmiedjunge, Schmiedknecht, Schneidergesell, Schuhknecht, Scribent, Strohschneider, Substitut, Unterknecht, Viehmagd, Wagnergesell, Webergesell, Weingartknecht, Weinknecht, Zieglerknecht, Zimmergesell

In der Liste der Ortsfremden aus dem Ehebuch tauchte der Beruf Zainenmacher auf. Aber was ist ein Zainenmacher? Ein Handwerker der Zainen macht. Aber was sind Zainen? - Gut, dass es Google gibt. Arg viel spuckt Google nicht aus. 'Zaine steht für schweizerisch mundartlich für Korb (Behälter)'. Aber auch im Schwabenland ist/war ein Korb eine Zaine.

 
Zainenmacher anno 1694

Ich weiß noch was eine Zaine ist, aber bereits eine Generation später ist die Zaine aus dem Wortschatz verschwunden. Meine Tochter kennt das Wort nicht mehr. Kirschen, Äpfel und Kartoffeln haben wir früher in Zainen geerntet. Für die Apfelernte verwenden wir heute Eimer. Nachdem jetzt der Plastikeinkaufstüte der Kampf angesagt wurde, erleben wir vielleicht doch die Rückkehr der Zaine als Einkaufskorb.



Dienstag, 12. Juli 2016

Patin Johanna Elisabeth von Baden-Durlach

In Taufbüchern liest man immer wieder, dass die Herrschaft Ehrenpatenschaften für Kinder ihrer Untertanen übernommen haben. Johanna Elisabeth von Baden-Durlach, die Ehefrau des Herzogs Karl Eberhard von Württemberg ist die Patin von Johanna Elisabetha Laitenberger, geboren 1698 in Großbottwar. Sie war das 17. Kind meiner 9-fachen Urgroßeltern Johann Georg Laitenberger (1647 Laichingen - 1705 Metterzimmern) und Anna Keller (1652 Frickenhausen - 1736 Siglingen/Möckmühl)
Anna und Johanna Georg und stammen aus dem Raum Schopfloch auf der Schwäbischen Alb. Sie sind zwischen 1693 und 1696 von Suppingen und Gutenberg nach Großbottwar gezogen. Fünfzehn Kinder kamen in Suppingen (8) und Gutenberg (7) zur Welt, die beiden jüngsten Kinder wurden in Großbottwar geboren. Anna erreichte als Frau für die damalige Zeit ein erstaunlich hohes Alter von 84 Jahren. "17 Kinder, 72 Enkel und über 20 Urenkel" - so lautet ein späterer Eintrag im Kirchenbuch.
Johann Georg war Meier (Verwalter) auf Krebsstein bei Gutenberg im Lenningertal. Auch Andreas Kieser war zu jener Zeit in Krebsstein und zeichnete den 1459 erstmals erwähnten Weiler, bestehend aus 6 württembergischen Lehenhöfe, für das Forstlagerbuch.


Krebsstein anno 1683 aus dem Forstlagerbuch von Andreas Kieser
 
 
In den 1690ern war Johann Georg 'Herrschaftlicher Schlossgutsbestandsmaier" auf Schloss Liebenstein, heute im Landkreis Heilbronn, damals zum Kameralamt Großbottwar gehörend. Seine Nachfolge auf Schloss Liebenstein traten seine Söhne an, Johann Georg zog nach Metterzimmern und verstarb dort 1705 an Schwindsucht.
 

 Schloss Liebenstein anno 1686 - Forstlagerbuch Andreas Kieser
 
 
Anna lebte danach bei ihrem jüngsten Sohn in Siglingen (Möckmühl) und verstarb dort nach einem arbeitsreichen Leben im Jahre 1736. Ihr Sohn Friedrich Carl war ehrsamer Bürger und Küfer in Siglingen und Zunft-Meister der Küfer.
 



Montag, 11. Juli 2016

Erdmannhausen - Museum für die Brezel

Dass die Brezel seit Jahrhunderten zum Süden unseres Landes gehört und bei uns einen hohen Stellenwert besitzt, sieht man auch immer wieder an Hausfassaden in den Altstädten. Über dem Eingang einer früheren Bäckerei in der Marbacher Niklastorstraße, unterhalb der Stadtkirche, ist dieser restaurierte Kopfstein aus dem Jahre 1779. 
 

 Hauseingang in der Marbacher Altstadt

Seit wenigen Tagen gibt es im benachbarten Erdmannhausen das weltweit erste BREZELMUSEUM. Ein Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Geschichte und dem Mythos der Brezel sowie dem Handwerk. Die Schau soll auch anregen, sich grundsätzlich mit dem Thema Lebensmittel auseinanderzusetzen.
 
brezelmuseum.de

Auf der Webseite geht es unter 'Aktuelles' zu den Pressestimmen: 66 Aspekte ist ein sehr interessanter Artikel in der Zeitschrift Schönes Schwaben. 
 

 


Dienstag, 5. Juli 2016

KU Leuten in Flandern & Andreas Lempp aus Steinheim

Was hat mein 14-facher Urgroßvater Andreas Lempp (*um 1480) aus Steinheim mit der KU, der größten Universität in Flandern zu tun?
In dem Buch 'Ut Granum Sinapis: Essays on Neo-Latin Literature in Honour of Jozef IJsewijn', das zu Ehren von Jozef Ijsewijn, dem 'Vater der modernen Neu-Lateinischen Forschung' geschrieben und von der Leuten University gedruckt wurde, findet man im Kapitel 'Eine Tübinger Magisterprüfung im Jahr 1509' den Namen meines Vorfahren:
Jährlich fanden 2 Promotionsverfahren statt. Die des Sommers wurde am 15. Juni angekündigt und drei oder vier Tage später eröffnet. Die kandidierenden Baccalaurei (magistrandi) hatten sich nach ihrer Anmeldung und ihrer Zulassung durch den Dekan, im vorliegenden Falle war es der Magister Michael Mögling, zuerst einer mündlichen Prüfung durch vier 'examinatores' ihres 'Weges' zu unterziehen, die durch das Los aus den Magistern der Realisten und der Modernen gewählt worden waren ..... magister Andreas Lempp (aus Steinheim an der Murr, imm. Tübingen 1494, Bacc. 1501, Mag. 1504).
Einer der 'examinatores', also einer der Prüfer, war Andreas Lempp aus Steinheim an der Murr, der 1494 mit seinem Studium in Tübingen begonnen und 1504 das Studium mit dem Magister abgeschlossen hat.
Damals gab es keine öffentlichen Schulen samt Schulpflicht. Er hat wohl eine Lateinschule, also eine katholische Schule, besucht. Mit vierzehn Jahren das Studium zu beginnen war wohl durchaus üblich, dieses Alter für die Immatrikulation fand ich auch an anderen Stellen.


Die Eberhard Karls Universität in Tübingen zählt zu den ältesten Universitäten Europas. Sie wurde 1477 auf Betreiben des Grafen Eberhard im Bart ins Leben gerufen und trägt zudem den ersten Namen des württembergischen Herzogs Karl Eugen.


Sonntag, 3. Juli 2016

Kleinbottwar - Spielhaus für den König von Rom

Im romantischen Park von Burg Schaubeck steht dieses über 200 Jahre alte Gartenhaus. Als Kinder konnten wir dieses Spielhaus nur über die Natursteinmauer die den Park umgibt bewundern. - Jetzt hatte ich die Gelegenheit das mit Eichenrinden verkleidete berühmte Spielhaus aus der Nähe zu sehen.

 

Napoleon Bonaparte hatte für 1812 seinen Besuch im Ludwigsburger Schloss angekündigt, begleiten sollte ihn sein kleiner Sohn Napoleon Franz. Der Herzogliche Hofbaumeister Nicolaus Friedrich von Thouret ließ für den kleinen König von Rom zwei Spielhäuser entwerfen und bauen. Der Besuch des kleinen Königs in den Spielhäusern kam wegen des Russlandfeldzuges 1812 leider nicht zustande.
Eines der beiden Spielhäuser steht heute als 'Weingärtnerhaus' im Blühenden Barock in Ludwigsburg. Das Schaubecker Spielhaus wird heute als 'japanisches Teehäuschen' bezeichnet. Der württembergische König verschenkte das Teehäuschen an Generalmajor von Brusselle, den Ur-Ur-Ur-Urgroßvater des heutigen Burgherrn Felix Graf Adelmann.

In dem früher für die Öffentlichkeit verschlossenen Park finden heute Veranstaltungen wie die Wein- und Kulturtage oder das Sommerfest samt Rockmusik und Feuerwerk statt. Ein Geheimtipp ist allerdings das Opern-Burgcafé mit italienischen Kaffeespezialitäten, höchstpersönlich zubereitet vom Burgherrn 'Barista Felix'.



Samstag, 2. Juli 2016

'Hexe' Irmula Krauss-Straub & Wikipedia

Von 1562 bis 1684 gerieten in den Hexenverfolgungen in Sindelfingen 34 Frauen in Hexereiverdacht. Im Gegensatz zu vielen Gebieten in Württemberg fanden über die Hälfte der Verdächtigen den Tod: 19 der angeklagten Frauen wurden in Hexenprozessen hingerichtet.
SO beginnt bei Wikipedia der Artikel Hexenverfolgungen in Sindelfingen.

Meine 11-fache Urgroßmutter Irmula Straub geborene Krauss wird dort unter Hexenprozesslawine 1615 bis 1616 genannt: In der Hexenprozesslawine von Mai 1615 bis September 1616 gerieten 19 Frauen in den Verdacht des Schadenzaubers und der Hexerei. Zwölf Frauen verloren ihr Leben. -
Judith Stick wurde im Mai gefoltert. Sie war angeblich schon 1589 in Vaihingen in einen Hexenprozess geraten. Sie konnte lesen, schreiben und war in der Bibel versiert. Sie bestand die theologische Befragung durch das Gericht mit Bravour. 15 Zeugen verdächtigten sie des Schadenzaubers. Ein Folterurteil wurde erlassen, doch während der Tortur der kleinen, zierlichen Person zerbrachen mehrere Folterinstrumente. Nach dem Scheitern der ersten Tortur wurde sie auf eine Wiederholung der Folter verklagt. Vergeblich versuchte sie, den Vogt mit 50 Gulden zu bestechen. In der zweiten Folter legte sie ein Geständnis ab und besagte vier weitere Frauen als Hexen: Barbara Ada, Irmula Straub, Katharina Rohr und Katharina Heubacher. Diese gehörte zur Oberschicht, ihr Bruder war mehrmals Bürgermeister und Ratsmitglied. Der Rat zögerte zunächst bei Ermittlungen gegen sie, aber fürchtete den Unmut der Bevölkerung. Alle vier besagten Frauen wurden angeklagt, der Folter unterworfen, zum Geständnis gezwungen und wie Judith Stick hingerichtet..... 1615 Irmula Straub hingerichtet....

Waldburga Pfau wurde am 1.Oktober 1616 hingerichtet. Es war die letzte bekannte Hexenverbrennung in Sindelfingen.
Im Stadtarchiv Sindelfingen befindet sich noch ein großer Teil der Original-Protokolle über die Hexenprozesse und Einzelschicksale.



Auf die Hexenverfolgungen 1615/1616 in den württembergischen Ämtern Dornstetten, Leonberg und Sindelfingen (Sündelfingen) machte eine Hexenzeitung aus Tübingen 1616 aufmerksam: Zwo Hexenzeitung (…) Die ander: Auß dem Hertzogthumb Würtenberg: Wie der Hertzog zu Würtenberg in unterschiedlichen Stätten das Hexenbrennen auch angefangen. DEr Hertzog zu Würtenberg hatt das Hexenbrennen auch angefangen, in den Stätten Dornstatt, Sündelfingen ... weiterlesen bei Wikisource ...


Freitag, 1. Juli 2016

Auf den Spuren der Ahnen - Sommer 2016

Die Reiseliste für dieses Jahr ist abwechslungsreich. Das am weitesten entfernte Ziel sind die Dörfer Egliswil und Seengen am Hallwiler See im schweizerischen Aargau. Von dort sind nach dem 30-jährigen Krieg die Häussermanns eingewandert. Auch Aldingen, der erste Wohnort der 'Hüsermanns' nach der Einwanderung ins Herzogtum Württemberg, steht auf der Liste.
Iptingen, Dürrmenz und wenn ich schon dort bin, besichtige ich auch die Waldenserdörfer Perouse, Pinache und das Waldensermuseum in Ötisheim.
Bei Gingen an der Fils, Kuchen samt der Gaststätte "Deutscher Kaiser" und der Weiler Grünenberg mit dem gleichnamigen Landgasthof kommt Freude auf. Gut, wenn Gastwirte zu den Vorfahren gehören!

 
Grünenberg anno dazumal

Bei den Gasthausbesuchen darf natürlich das Brezelzimmer des Goldenen Löwen in Marbach nicht fehlen. Mein 6-facher Urgroßvater Hans Leonhard Pfuderer kaufte das Gasthaus samt Backstube von Friedrich Schillers Großvater für seinen Sohn, den Bäcker Johann Ludwig.

Die Stadtführung 'Hexenverfolgung in Sindelfingen' wird ins Mittelalter zum vermutlich dunkelsten, traurigsten und deshalb auch spannendsten Kapitel der Sindelfinger Stadtgeschichte führen. Mindestens 17 Frauen wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. - Eine der Frauen, deren Leben nach grausamen Folterungen auf dem Scheiterhaufen in Sindelfingen beendet wurde, war meine Vorfahrin Irmula Straub geborene Krauss. Nach einem durch Folter am 4. August 1615 erzwungenen Geständnis wurde Irmula zum Tode verurteilt und im September 1615  auf dem Goldberg hingerichtet.